Ludmilla

6. Februar 2012 § 62 Kommentare

Es ist Samstag, 13 Uhr und minus acht Grad, als der Reißverschluss meiner Winterjacke kaputt geht. Natürlich: So etwas geschieht nicht im Frühjahr, nicht im Spätherbst. Es passiert bei minus acht Grad und strengem Frost.

Heute morgen war ich deshalb bei Ludmilla. Ludmilla  besitzt im nahe gelegenen russischen Viertel eine Änderungsschneiderei.  Sie ist eine winzige, dünne Frau mit grau-braunem Haar, tief liegenden Augen, einem Nadelkissen, das um ihr Handgelenk schlackert, einer Lesebrille, die an einer Kette um ihren Hals hängt, und einem Maßband, das ihr wie ein Schal im Nacken liegt. Ihr Laden ist eine kleine Kammer und in zwei Reihen mit schwerer Kleidung behangen. Auf einem Stuhl türmen sich die Pelzmäntel sibirischer Mütterchen. Maßbänder und Stecknadeln liegen herum. Zwei Nähmaschinen stehen an den Wänden. Die Luft ist dick und warm.

“Guten Morgen”, sagt Ludmilla. “Was kann ich helfen?”
“Der Reißverschluss meiner Jacke ist kaputt”, sage ich und lege sie auf den Tisch vor Ludmilla.

Natürlich könnte ich mit meiner Jacke in den Outdoorladen gehen, in dem ich sie gekauft habe, doch man kennt das ja: Die Jacke muss zur Reparatur eingeschickt werden, der Kostenvoranschlag motiviert zur Aufnahme eines Kleinkredits. Die Jacke reist erst zum Hersteller nach England, dann zu einem Dienstleister nach China. Im Frühjahr, wenn bereits die Bäume ausschlagen und die Krokusse blühen, kommt sie zu mir zurück – mit dem Vermerk, dass ein Reißverschlusswechsel nicht möglich und der Kauf einer neuen Jacke angeraten sei.

Ludmilla nimmt ihre Lesebrille und setzt sie auf. Sie zieht prüfend den Reißverschlussschieber auf und ab, untersucht die Nähte und Krampen und sagt: “Machen wir doppelte Reißverschluss. Können Sie dann von oben und unten aufschieben. Habe ich in Farbe schwarz. Kostet aber 20 Euro, tut mir leid, weil Reißverschluss ist mit drin in Preis, und Reißverschluss ist immer teuer. Ist morgen fertig, 17 Uhr.”

Am Mittwoch ist mir wieder warm.

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§ 62 Antworten auf Ludmilla

  • Bille sagt:

    Haaach – Ludmilla :-)

  • Frau Vorgarten sagt:

    Sehr kompetent. Und ebenso kundenfreundlich.
    Und sicher ist sie eine Ludmila, mit so einem langen i vorm weichen Doppel-L.

  • kinderdok sagt:

    jetzt wollte ich noch was zum büchersortieren zum besten geben (dass ich die immer mal sortiere – meist nach verlagen – und nach einem vierteljahr alles hübsch durcheinander aussieht wie vorher auch), da schreiben sie was über reissverschlüsse bei outdoorjacken.
    das sind mal gedankenspreizer — himmlisch.

    nessy – dafür lieben wir Sie/dich (gibts sogar einen großbuchstaben dafür ;-)

    “was kann ich helfen?” *schmeissmichweg*

    • Nessy sagt:

      So ist es halt mein Leben: Es reicht vom Ghettobetto bis zu Ludmilla, vom Büchersortieren bis zum Reißverschluss.

  • opatios sagt:

    Ja, solche kleinen Schneidereien können Gold wert sein… sie retten so manch liebgewonnenes Kleidungsstück vor dem Müll durch eine relativ preisgünstige Reparatur.

  • FF sagt:

    Jo. Hatte vorgestern dasselbe Problem. Scheißteure Lederjacke, aber der Reißverschluß steigt bei fünfzehn unter null einfach aus. Man steht mal wieder ‘rum wie der letzte Depp. Blöd, das.

    Das Mysteriöse daran: rein äußerlich war ihm absolut nicht anzusehen, warum er einfach nicht mehr zusammengehen wollte. Sah völlig intakt aus. Eines der letzten großen Menschheitsrätsel…

    Woolworth: Reißverschluß schwarz, 85 cm lang, 10,99. Putz- und Flickstunde: ich selbst. Kostensatz: 3,50 = ein Döner.

    Fazit: “Ludmilla” war kein schlechter Deal.

  • Anne sagt:

    Änderungsschneider sind das Größte überhaupt. Unserer ist Spanier, nimmt auch die Hemden für “Veronikas Reinigung” an (wer auch immer Veronika ist) und hat erzählt, dass ich haargenauso aussehe wie seine Nichte in Spanien. Nur die Nichte ist wohl etwas fülliger.

    • Nessy sagt:

      Sie sind schlanker als eine spanische Nichte? Wenn das mal kein Kompliment ist!

      //*denkt an spanische Kleidergrößen

    • Anne sagt:

      Der ist sowieso sehr reizend. Aber ich hatte es glaub ich immer nur mit reizenden Änderungsschneidern bzw. -schneiderinnen zu tun. Ich bin auch immer sehr schüchtern, wenn ich da aufschlage, weil ich meistens sehr simple Sachen habe, bei denen ich mir fast ein bisschen doof vorkomme, die nicht selbst zu machen, und die dann immer mit so 2-Euro-Beträgen ankommen, weil’s nicht länger als 5 Minuten dauert.

      Aber wenn ich einen Knopf annähe, dann hält er vielleicht, sieht aber trotzdem irgendwie sehr laienhaft aus. Da lass ich das lieber andere Leute machen und bezahl dafür.

    • Nessy sagt:

      Knopf annähen schaffe ich. Mehr nicht. Dafür gibt es Fachkräfte.

  • gminggmangg sagt:

    Genau deswegen setze ich auf Knöpfe.
    (Übrigens: Den Namen Ludmilla gehört, dudelt und wehmütelt es mir stets dies: http://www.youtube.com/watch?v=0A8A1yX1MmU )

  • WunderMann sagt:

    Ich hätte auch gerne so eine Ludmilla bei uns um die Ecke.

    20 EUR, unglaublich. Man möchte noch einen Zehner drauflegen, allein für die entschuldigenden Worte von ihr :-).

  • pehei sagt:

    Bei uns macht das die Agneszka sehr gut.

    Ab Mittwoch wird das Wetter übrigens wieder wärmer.

    • Frau Vorgarten sagt:

      davon hab ich auch gehört.
      obwohl mir heute um 17:00 beim Einkaufen nach Feierabend gar T-shirtlich zumute war. Ich konnte kaum glauben, dass es minus 4 Grad seien.
      Wenn man vorher einige Tage bei minus 10 oder 12 gebibbert hat, sind minus 4 geradezu mild.

      …Nun hoff ich nur, dass es zwischen den Werten unter und den Werten über Null keine Feuchtigkeit gibt. Das wär fies.

    • Nessy sagt:

      Darüber habe ich mich heute auch unterhalten: Ist es wärmer geworden oder haben wir uns an die Kälte gewöhnt? Denn gestern fand ich es wirklich angenehm.

  • jpr sagt:

    Vielen Dank – fuer dieses farbige Plaedoyer, dass es sich auch in der Zeit von rund-um-die-uhr-online-weltweit-lieferbar-in-24-stunden-live-trackbar lohnt mit den Leuten die Dinge *tun* reden zu koennen und den lokalen Handel nicht zu vergessen.

    //Mir hat es vor dem Wochenende ebenfalls den Reissverschluss zerbroeselt, aber nur den Anhaenger. Zum Glueck hat das gute Stueck auch noch Knoepfe, so ist der Weiterbetrieb erstmal ohne Zittern gesichert.

    • Nessy sagt:

      Es war wohl das Wochenende der zerbröselten Reißverschlüsse.

      Ich bestelle schon gerne online – wenn es für mich Vorteile bietet. Sobald ich etwas hin- und herschicken muss, habe ich aber schon keine Lust mehr.

    • jpr sagt:

      Es ist ja nicht, dass ich gegen online waere – im Gegenteil. Aber es ist gut im Hinterkopf zu behalten, dass das nicht der einzige Weg ist (sonst sieht die Welt bald nur noch aus wie ein Flachbildschirm).

  • iv sagt:

    Sehr schön. Auch für das Reparierenlassen von Schuhen würde ich plädieren.

    • Nessy sagt:

      Schuhe lasse ich ebenfalls reparieren. Ich kaufe meist teurere die haben ein besseres Fußklima. Wenn es an der Zeit ist, lasse ich sie neu besohlen. Das funktioniert mehrere Male.

  • Lobo sagt:

    Ja, die Reißverschlüsse …

    mein Kumpel hat seine Ausbildung in einer Reißverschlußfirma gemacht und noch einige Jahre dort gearbeitet.
    Er regt sich heute noch über die billigen Verschlüsse in teuren Klamotten auf.

    • Nessy sagt:

      Alle Leute, die in einer Firma gearbeitet haben, die irgendwas herstellt, finden andere Irgendwasprodukte minderwertig. Und früher war alles besser.

    • lorem42 sagt:

      “Früher war alles besser, auch die Zukunft.”

  • kvinna sagt:

    Meine Ludmilla kommt aus Pommern und arbeitet zu Hause. Das ist schräg gegenüber von meinem Haus. Und ich genieße es sehr, zu äußerst angenehmen Preisen von ihr unterstützt zu werden bei der nachhaltigen Bewirtschaftung von fünf Kleiderschränken!

    Hier mal mein aufrichtiges, von Herzen kommendes DANKE! an alle Ludmillas dieser Welt!

  • fraufalke sagt:

    Das klingt, als würde man sich dort sehr wohl fühlen können. Die Änderungsschneiderei bei uns um die Ecke gehört zwei indischen Brüdern, die auch tolle Arbeit leisten. Von normalen Änderungen bis zum Engermachen eines Abiballkleides zehn Minuten vor dem Ball, man ist immer in guten Händen.

  • Lobo sagt:

    Ach ja, hab ich ganz vergessen.
    Bei uns heißt er Ali Atia, weiß garnicht was für ein Landsmann er ist.
    Ist schon seit Jahren eine Institution.
    Meine Mutter wollte letztens einen Ledermantel umfärben, sein Kommentar :

    Musse du nich mache, isse so gutes Leder. Gehe nur kaputt ! ;-)

  • kvinna sagt:

    Okay, ein wenig am Thema vorbei, aber nur ein wenig. Denn Handarbeit verdient auch Respekt und hat eben doch mit viel Gefühl zu tun – deshalb hier ein Link:

    http://www.alte-liebe.com/

  • Jürgen Koch sagt:

    „Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar …“
    Firefox-Erweiterung: http://proxtube.com/

    Liebe Grüße
    Jürgen

  • Herman Solb sagt:

    So, es ist Mittwoch. Wie ist denn jetzt die aktuelle Temperaturlage?

    Bei uns ist übrigens das Änderungsatelier Kwasnik für solche Probleme zuständig. Wohlgemerkt ein Atelier, da legt die stolze und geschickte Besitzerin Wert drauf, auch wenn es genau so wie eine Änderungsschneiderei aussieht.

    • Nessy sagt:

      Alles super und – wie erwartet – besser als vorher. Ein astreiner, solider Zwei-Wege-Reißverschluss. Winterjacke ist bereits wieder in Betrieb.

  • Meine Ludmilla heist Mohammed und macht auch Taschen und Leder. <3

    Und mein Schuh-Mensch lässt mich immer umsonst weg, weil ich ja Stammkunde sei (ich hab da noch nie bezahlt o0 und soo oft bin ich da nicht), schiebt mich aber immer raus, wenn ich darauf bestehe zu zahlen.

  • Bei der lieben Frau Nessy bekommt man meistens das Gefühl, dass die Welt ein kleines Märchen ist. Im entferntesten ein bisschen Alice hinter den Spiegeln(Nachfolger vom Wunderland): Eigentlich leben Sie in der gleichen Welt wie wir und eben nicht in der selben. Danke.

  • Danny Wilde sagt:

    Meine bisherige “Ludmilla” ist ein Paar, bei dem ich leider für einen Reißverschluss und einen Flicken am Ärmel dreimal auflaufen musste, um längst besprochene Dinge noch einmal zu klären. Glück im Unglück: Es war Sommer.

    Bei der nächsten textilen Panne wird also eine andere Kollegin Ludmillas ihre Chance erhalten.

    Hat eigentlich jemals jemand einen Doppelreißverschluss von unten aufgemacht und wozu?

    Früher war zwar nicht alles besser, aber dafür seltsamer: Damals nannte man Outdoorjacken einfach Jacken und trotzdem wusste jeder, was gemeint war.

    • Nessy sagt:

      Ich nutze Doppelreißverschlüsse, wenn ich irgendwo sitze, aber es zu kalt ist, die Jacke zu öffnen – an der Bushaltestelle oder in der Bahn zum Beispiel.

    • Frau-Irgendwas-ist-immer sagt:

      Auch für’s Fahrrad ist das unten öffnen der Jacke, welche ja in der kälteren Jahreszeit doch länger ist, sehr praktisch!

  • Susanne sagt:

    Was ich auch sehr vermisse, sind die KunststopferInnen.
    Eine Filiale eines etwas teureren Modelabels hier hat noch eine an der Hand, die allerdings auch schon betagter ist. Für 3 Euro das Loch eines sehr dünnen Jäckchens geflickt – und ich finde die Stelle gar nicht mehr. Sehr bedauerlich, wenn es bald gar niemanden mehr gibt (ich bin so mehr die Grobmotorikerin).

  • Mascha sagt:

    Die Reißverschluß-Fee…..

  • [...] Supermarkt “Gastronom” entdeckte, auf welchen ich wiederum gestoßen war, als ich Ludmillas Atelier [...]

  • [...] zu besuchen, an einem Sommersamstagmorgen zum Frühschoppen im Hörder Treff zu sitzen, sich von Ludmilla die Hose kürzen zu lassen und die Entenfamilie zu besuchen. Hörde ist alles, Hörde ist gestern [...]

  • jpr sagt:

    Ich mag hier nachtraeglich sehr gerne noch auf http://www.wrint.de/2012/10/12/wr115-holger-ruft-an-bei-sina-manomama-trinkwalder verweisen. Danach findet man 20.- fuer einen Reissverschluss eher okay (nicht, dass Sie sich ueberhaupt beschwert haetten).

  • Janine sagt:

    Könnte ich bitte mal Ludmillas Adresse haben? Das ist doch in Dortmund, oder?

Was ist das?

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