Ghettonetto – und was danach passierte

25. Juli 2012 § 45 Kommentare

Ein paar Worte zu meiner Supermarkt-Situation:

Nachdem vor einigen Monaten der Ghettonetto fort- und dem Strukturwandel entgegen gezogen ist, befindet er sich außerhalb meiner Reichweite. Dafür gibt es nun einen frisch renovierten Rewe, den ich mit dem Bus erreiche:

Die Einkaufssituation

Meine Supermarkt-Situation: Der Ghettonetto ist dem Strukturwandel entgegen gezogen und für mich nun weit ab vom Schuss, der Rewe erstrahlt in neuem Glanz.

Grund für die Entwicklungen im Einzelhandel ist der Strukturwandel. Er krempelt grad meinen Kiez um. Fördertürme und Stahlwerke kommen weg, stattdessen wird Naherholung hergestellt: Rasen wird gesät; Seen werden angelegt; noch schüchterne Baumsetzlinge stehen auf schlackehaltigem Grund und beobachten Sonntag um Sonntag neugierig promenierende Ruhrgebietsmalocher, die sich heute ansehen, wo sie morgen abspannen und gestern noch unter Schweiß und Schmutz Erz verhütteten.

Wo aus Hochöfen Industriekultur und aus Stahlwerksbrachen Parkanlagen entstehen, werden auch neue Immobilien gebaut – architektonisch anspruchsvolle Niedrigenergiehäuser mit Glasfronten und Panoramabalkonen, gepflegte Eigentumswohnungen mit direktem Blick ins jungfräulich sprießende Grün. Mit den Bauherren zeichnet sich wachsende Kaufkraft ab – und dort, wo bald das Geld hinzieht, ist auch der Ghettonetto hingezogen. Nicht, dass der Ghettonetto ein Einkaufsparadies für die gehobene Kundschaft wäre, aber irgendwie möchte doch jeder ein Stück vom Kuchen abbekommen, auch der Kolonialwarenhändler.

Der Rewe, den ich statt des Ghettonettos nun aufsuche, hat die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt und sich in den vergangenen Monaten kernsaniert: das Außen, das Innen, das Sortiment, die Scannerkassen und die Kittel der Angestellten. Nur die Kundschaft hat sich nicht renoviert, was den Gesamteindruck etwas trübt. Denn sie neigt – Strukturwandel hin oder her – immer noch dazu, sich von der Bäckereitheke im Foyer durch die Gemüseabteilung bis zum Pfandautomaten zu prügeln, wenn es denn nötig ist; Kleingruppen von Männern in Trainingshosen erwerben Toastbrot, Hartwurst und Alkoholika, die sie noch vor Verlassen des Geschäfts unter der rechtschreibfreien Kleinanzeigen-Tafel verzehren; Muttis mit und ohne Hauskittel, mal mit Hijab, mal ohne, in Stringtanga und Hüfthosen oder in schwarzer, bodenlanger Hidaja schieben ihren an Sommertagen nur mit einer Baumwollunterhose bekleideten Nachwuchs durch die Gänge, reißen vorm Kauf die Blätter von den Kohlrabi und marodieren durch die Auslagen der neu konzeptionierten Feinkostabteilung wie durch einen Leibwäsche-Wühltisch bei Woolworth. Da hilft es auch nichts, dass die frisch installierte Akzentbeleuchtung die Szenerie in stimmungsvolle Wohlfühlatmosphäre taucht. Man möchte am Eingang des Geschäfts gerne eine Schild aufstellen, das dem Eintretenden signalisiert: “Achtung, Sie verlassen jetzt den proletarischen Sektor und betreten den gentrifizierten Supermarkt!”, damit die Kundschaft versteht, dass es ab hier ernst für sie wird, dass die Spaß-Einkäufe in zwangloser Schlumperkleidung vorbei sind, dass sie jetzt bitte illuster sein soll.

Zurück zu meinem alten, verwaisten Ghettonetto. Dort hängt seit einer Woche ein Schild im leeren Schaufenster: “Hier zieht bald ein neuer Discounter ein”, daneben Job-Angebote. Frauen in Hüftjeans und Synthetik-Blusen, mit und ohne Kopftuch, stehen Tag für Tag davor und notieren sich die Mobilfunknummer des Discount-Managers. Der Strukturwandel hier ist eine Moräne, die sich gemächlich durch mein Viertel schiebt und dabei eine Menge Geröll bewegt. Bis er allerdings in meinem Straßenzug angekommen ist, werden noch einige Jahre ins Land ziehen – und es wird einen neuen, alten Ghettonetto geben.

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§ 45 Antworten auf Ghettonetto – und was danach passierte

  • Orinoko sagt:

    Sie müssen Busfahren für die Einkäufe, kein Markt in Fußnähe?

    • Nessy sagt:

      Es gibt noch einen Aldi in fußläufiger Nähe, aber er ist schlecht sortiert und hat nicht alles, was ich brauche (Gewürze, frisches Obst, Sachen wie Kokosmilch).

  • Busfahren ist ja nu auch nicht so schlimm, da gibts immer eine Geschichte fürs Kaffeehaus, wenn mal im Ghettorewe nichts los ist.

  • Micha sagt:

    Fahrradfahren?

    Damals, als ich noch Städterin war, ja da war für mich in der Stadt alles mit dem Rad zu erreichen. Jetzt im JDW geht ohne Auto nix mehr.

    Übrigens, Frau Nessy, sensationelle Skizze (allein das Strahlen bis hin zur Belichtung des Rewe…). Ich hoffe nun des öfteren auf bildlich unterlegte Geschichten!

  • susa sagt:

    Warten Sie nur ab gnä’ Frau, der normativen Kraft des Faktischen folgend wird die Rewe-Filialleitung schon sehr bald das “anspruchsvolle” Sortiment auf das absolute Minimum herunterfahren und es wird bald fast wieder sein, wie im Ghettonetto-alt. War bei unserem Rewe auch so, Also genießen Sie die Zeit, in der es noch den köstlichen Karamellpudding im Glasschälchen der gehobenen Rewe-Eigenmarke gibt, der ist nämlich wirklich lecker.

    • Nessy sagt:

      Ich habe gestern schon Himbeer-Irgendwas-Dressing gekauft. Und Sylter Salatfrische. Und spanische Knoblauch-Mojo. Hach!

    • jpr sagt:

      Wenn Sie ganz in alter Tradition dafuer sorgen, dass der Karamellpudding auf den Auswertungen der Filialleitung ganz weit oben erscheint, koennte es ja sein, dass dieser die Sortiments-Regentrifizierung uebersteht…

  • jpr sagt:

    Hach, herzlichen Dank fuer die Beschreibung des Edel-Rewes, was habe ich gelacht. Vielleicht regen Sie an, dass – anstelle des normalen BaeckersBackshops im Eingang ein Sakko-Verleih angesiedelt wird. Das eruebrigt dann das Warnschild und homogenisiert die Kundschaft mit dem Laden.

    Was ich mich aber frage: was ist so schlimm am Kohlrabiblaetter abreissen? Tue ich auch immer und finde ich sinnvoll, wenn man keine Kleintiere daheim hat, die das fressen.

    • Nessy sagt:

      … und Sie werfen Sie wahrscheinlich in einen dafür bereitstehenden Behälter, oder?

    • jpr sagt:

      Ich lasse das halt in dem Korb, in dem der Kohlrabi eh schon wohnt. Sollte ich das etwa auf den Boden werfen?

  • Jörg Plewe sagt:

    Also ich reiße die Kohlrabiblätter (man schreibt das echt mit ‘h’) auch immer ab, die nehmen viel zu viel des stark limitierten Platzes in der Fahrradtasche weg.

    • Das mit den Blättern liegt daran, dass sie, wenn sie noch am Kohlraben dran sind, Feuchtigkeit verdunsten, wie jede normale Pflanze das macht, und die fehlt dann irgendwann dem Kohlraben.
      Mit Bundmöhren ist es übrigens genauso.

  • Mercator sagt:

    Ich reiße die Blätter auch immer ab. Ich bilde mir ein, aus Gewichtsreduzierungsgründen…
    Noch jemand? ;-D

  • Nessy sagt:

    An alle Kohlrabiblätterabreißer: Werfen Sie die Blätter auch neben sich auf die Erde, egal, wo Sie grad stehen oder gehen?

    • Charlottchen sagt:

      Ich lasse rupfen – auf dem Wochenmarkt. Und der Händler wirft sie dann für mich auf den Boden.;-) Im Supermarkt natürlich in die dafür vorgesehenen Behältnisse.

    • Nessy sagt:

      Gibt es fürs Bio- und Wochenmarkteinkaufen eigentlich Karmapunkte? Ich meine nur, so für später.

    • Charlottchen sagt:

      Vermutlich wird man sonst als Balkonkaninchen wiedergeboren – ich meine, man kann ja nie wissen…
      Ich sage dann in so … 30 Jahren … dann mal Bescheid.

    • Mercator sagt:

      Also die Blätter auf den Boden schmeißen geht ja gar nicht. Nein, die werden schön irgendwo (leicht verschämt) an den Rand des Kohlrabibehälters gestopft…

  • to sagt:

    praktisch, wenn man sein gemüse beim biobauern kauft und die abgefummelten kohlrabiblättern den stallhasen durchs gitter in den käfig friemeln kann. oder sie alternativ mitverarbeitet. die blätter.

    • Nessy sagt:

      Ich könnte mir ein Balkonkaninchen halten, allerdings besser in einer anderen Ecke des Balkons als Thorsten. Dann passe nur ich selbst nicht mehr auf den Balkon, nur im Stehen. Aber so verbraucht das Sonnenbräunen wenigstens Kalorien.

  • Solminore sagt:

    Ich reiße immer das Grün von den Bundmöhren … und latsche dann so lange durch den markt, bis ich einen grünabfälleeimer gefunden habe. übrigens haben gentrifizierte supermärkte eher die neigung, einen solchen aufzustellen (oder ansprechbare, auskunftwillige fachkräfte einzustellen).
    Andererseits haben proletarisierte supermärkte weniger die neigung, so etwas wie bundmöhren anzubieten, so gleicht sich das dann wieder aus.

    • Nessy sagt:

      Die ansprechbaren, auskunftswilligen Fachkräfte sind noch die alten aus dem Asi-Rewe (“Ich räume hier nur die Regale ein.” / “Ich mache hier nur die Kasse.” / “Ich bin hier nur für Konserven.”).

      Ich denke auch, dass die Sache sich mit der Zeit fügen wird. In die eine oder in die andere Richtung.

  • cousin it sagt:

    Hier (Hangover, Innenstadtlage, 50-Jahre-Bauten-ambientös) gab es früher einen Penny direkt neben dem Rewe und alles war gut. Jetzt gibt es all diese Kokos-, Erdbeer-, Weisse-Schokolade-, weiss-ich-was-für-Nuss-Aufstriche in weisser Luxusmarke. Auch je zwanzig Oliven-Sorten, Kaffee-Sorten (aber nur im Pad!), dafür keinen einzigen vernünftigen Cappucino mehr,.. und seit neuestem auch kein Astra mehr. Kein Platz, weil man an 10+ Stellen Beck`s verteilen musste.

    Keine Kidney-Bohnen, nur Marken-Mais. Auch kein Platz für Tortillas (außer die miesen von kattus) und die Frage nach Guacamole..na, lassen wir das (gut, dass es kein Spülmittel mit ähnlich klingendem Namen gibt).

    Hier ist die Klientel gediegen und das Personal original Ghetto. Damit ist auch nüscht gewonnen. Viel Glück, solange das Ghetto nicht abspringt, besteht noch Hoffnung für den Laden.

  • Aquii sagt:

    Also gar nicht weit von hier hat sogar ein KIK geschlossen, für immer, das muss ein schlechtes Zeichen sein….

  • susa sagt:

    Wenn ich mich nochmal in die äußerst interessante Kohlrabiblätterdebatte einklinken darf. Meistens geht der Preis doch per Stück, also wäre es in dieser Hinsicht egal, ohne Blätter wird der nicht billiger. Wenn man die Kohlrabi am gleichen Tag komplett verbraucht, ist das auch unerheblich. Andererseits:. Aus den kleineren Kohlrabiblättern kann man – gleiches Verfahren wie beim Basillikumpesto, nur statt der Pinienkerne eine Mandel-Walnuss-Mischung – ein sehr köstliches Pesto herstellen, die Kohlrabiblattstiele lassen sich genau wie Stielmus verarbeiten.

    Andererseits optiere ich für Balkonkaninchen, am besten zwei (Balkonkaninchenbesitzer pflegen übrigens Kohlrabi-mit-Blatt-Käufer hinter der Kasse um die Blätter zu bitten), schon wegen des vollkommen neuen Themengebietes für das Blog.

    • Nessy sagt:

      Ein Pesto aus Kohlrabiblättern? Ich weiß grad nicht, wie ich das finden soll. Was die Haltung eines Balkkonkaninchens angeht, erbete ich mir Bedenkzeit.

  • Mein lieber Obst- und Gemüsehändler im Haus rupft auf Verlangen stets die Blätter ab, beim Kohlrabi, und bei den Möhren. Einen “Edel-REWE” gibt’s in meiner Nähe auch, der hält sein “Niveau” aber seit Jahren schon hartnäckig, trotz der häufig nicht eben “gehobenen” Kundschaft.

  • Friederich sagt:

    Ich habs ja gewußt! Als ob es des Beweises noch bedurft hätte! Frau Dr. Nessy wohnt im Haus vom Nikolaus.

    • Nessy sagt:

      Fehlt noch, dass Sie jetzt einen Scherz mit dem Wort “Sack” machen.

    • Friederich sagt:

      Würd ich doch niiie machen! Hab ich nicht mal dran gedacht. Ich habe nur einen Zusammenhang zwischen dem Wohnort und den vielen Scurrilitäten hergestellt, die zu einem Nessyleben zu gehören scheinen. Wahrscheinlich ist dieses ganze Ruhrgebiet so eine Art Nessy-Wunderland. Da paßt so ein Nikolaus-Haus doch irgendwie rein.

  • zaubermaus sagt:

    Wie kommen Sie dann an die (wirklich leckeren) Quarkriegelchen ???

  • Der Rewe klingt wie der, in dem ich just einkaufen war. Allerdings haben wir auch noch den Ghetto-Netto. Heute hab ich mir aber mal Rewe gegönnt… schönere Wassermelonen, größere Gemüseauswahl. Damit wäre der Gemüsekuchen für heut Abend gerettet.

  • Nihilistin sagt:

    Ich oute mich als privilegiert: Innerhalb von 5 Gehminuten ein Rewe (frisch veredelt), ein Aldi, ein Lidl (von mir boykottiert), und demnächst öffnet ein Netto (der rote, also mit Bioprodukten). Dazu noch ein kleiner Wochenmarkt, und innerhalb von 10 Fahrradminuten alles (wirklich ALLES) andere, inkl. zweier Biosupermärkte und sogar eines Baumarktes. Versuchte ich mich an einer Skizze wie Ihrer (die sehr hübsch ist), müßte ich wohl eine Tapetenbahn nehmen.
    Manchmal bietet eine große Großstadt auch Vorteile, wenn man mal LärmDreckChaos abstrahiert.

    • Nessy sagt:

      Ich wohne ja auch ein einer Großstadt. Aber in einer mit Strukturwandel, und je nachdem, wo es sich gerade hinstrukturiert, strukturiert es sich von anderen Dingen weg.

  • Lobo sagt:

    Bei uns gibt es das komplette Programm in absoluter Nähe. Etwas weiter weg ist der Hofladen, aber immernoch schnell zu erreichen.
    Das ist der Vorteil einer Kleinstadt, da kommen auch keine Nachteile wie LärmDreckChaos hinzu. Einzig das Nachtleben lässt ein wenig zu Wünschen übrig, aber da arbeiten wir dran. ;-)

  • Lobo sagt:

    Die Supermärkte sind alle, um die Ecke (2-3 min.) Der Hofladen ist ca. 8km weg.

  • Claudia sagt:

    Hm, noch nie Gedanken drüber gemacht. Aber nun glaub ich zu wissen, wo Nessy jetzt immer einkaufen geht. Äh, fährt.
    ;)
    LG Claudia

  • [...] ist alles, Hörde ist gestern und heute, war Stahl und Schmutz, ist jetzt mit der Hand fassbarer Wandel und wird die Zukunft sein, eine der möglichen Zukünfte, die es im Ruhrgebiet derzeit [...]

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