Von Hühnern und Hünen

17. September 2012 § 55 Kommentare

Fieberhaft erwartet, jetzt hier: der Hochzeitsbericht.

Ruderblätter vor der Kirche

Wir sitzen in der Kirchenbank, als die Rudermannschaft die Kapelle betritt. Katrins Mund steht offen, Jessica fallen fast die Augäpfel aus den Höhlen, Pia und Sonja schauen sich an und grinsen. Wir haben nicht zu viel erwartet, nein, wir haben zu wenig erwartet, unsere Vorstellungen reichten für dieses Bild nicht aus. Sie tragen allesamt Anzug, große Anzüge, sehr stattliche Anzüge, sind einsfünfundneunzig und größer, sehr groß. Der Einmarsch der Gladiatoren.

Nach der Trauung, wir warten vor der Kirche, sage ich zu Jessica: “Der da vorne.” Ich zeige ihr mit meinem Blick einen Ruderer mit blauer Krawatte, Wuschelhaar und Dreitagebart. Pia, die neben uns steht, sagt: “Der sieht aus wie dieser Typ aus ‘Hangover’.” – “Bradley Cooper!”, ruft Jessica.

Bradley steht in einer Reihe mit den anderen Jungs und hält sein Ruderblatt in die Höhe. Zu zehnt bilden sie eine Allee für das Brautpaar, zehn stramme Recken. Wir wischen uns mit dem Handrücken verstohlen Speichel aus dem Mundwinkel. Jessica starrt wie ein Reh im Scheinwerferlicht, kurz bevor es überfahren wird.

Im Festsaal sitzen wir am Tisch links vom Brautpaar. Die Ruderer sitzen rechts, die gesamte Verwandtschaft trennt uns, drei mit Plastikefeu geschmückte Säulen versperren uns den Blick. Das Brautpaar wird sich etwas dabei gedacht haben, wollte sich und uns möglicherweise Peinlichkeiten ersparen; wie werden das trotzdem anprangern. Der Trainer spielt ungeduldig mit seiner Serviette, er hat Hunger und ist verstört angesichts unseres Enthusiasmus. Gereizt moppert er: “Die Jungs sind alle zwei Meter groß – sind die zu doof zum Basketball, oder was? Die fahren rückwärts, und ein Zwerg sagt ihnen Bescheid, wenn sie im Ziel sind. Da steht ihr doch nicht etwa drauf, oder?” Wir bleiben unbeeindruckt.

Nach dem Essen zeigen Freunde der Braut Jugendbilder des Hochzeitspaares: die Braut beim Handball, der Bräutigam beim Rudern, beim Jubeln im Deutschlanddress und zu guter Letzt mit den Jungs bei einem Klimmzugwettbewerb, alle mit nackten Oberkörpern und angespanntem Latissimus. Wir verlangen später an der Theke nach Eiswürfeln, um uns runterzukühlen.

Gegen 22 Uhr starten wir die “Mission Bradley”. Wir erfahren von der Braut, dass Bradley Stefan heißt und Arzt ist. “Arzt!”, entfährt es unseren Mündern, begleitet von einem schrillen Schrei. “Wie in einem schlechten Film”, sagt Jessica. “McDreamy”, kommentiert Pia. Sonja sagt nur stumpf: “Ich bin raus”, denn ihr Ex-Freund ist Arzt – seitdem stehen Ärzte auf bei ihr auf der schwarzen Liste, nur Veterinärmediziner haben noch den Hauch einer Chance, bei Neumond, gutem Wetter und gleichzeitig zwei Promille Pegel.

In diesem Moment taucht aus dem Nichts eine brünette Schönheit in einem türkisfarbenen Kleid auf, hakt sich bei Bradley ein, stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn auf die bärtige Wange. Jessicas Augen verengen sich zu Schlitzen, Sonjas Lächeln fällt aus ihrem Gesicht wie eine dicke Wassermelone und zerschellt auf dem Tanzboden des Festlokals.

Wir sind konsterniert, trösten uns mit einer Runde Caipis, werden jedoch bald wieder hoffnungsfroh, als sich die Gesellschaft mehr und mehr an der Bar versammelt. Wir mischen uns unter das Ruderervolk; ich fühle mich wie eine zierliche Elfe im Eichenwald: Die Zahl der Männer, die kleiner sind als ich, bewegt sich bei weniger als zehn. Ich möchte mich gerne überall anlehnen und meinen Kopf an die Schultern und Brustmuskeln der umstehenden Männer betten, aber ich wahre die Contenance und sauge Rohrzucker durch meinen Strohhalm.

“Warum haben große Männer eigentlich immer kleine Frauen? Das ist doch Verschwendung”, jammert Sonja neben mir. Ich zucke mit den Schultern.

Der Abend endet verschwitzt, müde und friedvoll angetrunken, aber ohne auch nur die Idee von Verliebtheit. Doch irgendwas muss uns beseelt haben, denn trotz Schlafmangels spielen wir am nächsten Tag wie die Göttinnen und gewinnen unser Spiel mit bislang selten zutage getretener Eleganz.

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