Alterspräsidentin

22. September 2012 § 31 Kommentare

Ich glaube, ich bin jetzt das Mannschaftsmaskottchen.

Der Trainer hat es nicht so direkt gesagt. Er nickt mir immer nur andächtig zu, es ist ein Du-weißt-schon-Nicken, ein wohlwollend-mildtätiges Kopfneigen, das man auch Seniorenheimbewohnern zuteil werden lässt, die 1920 im olympischen Tauziehen eine Bronzemedaille geholt haben.

Ich denke, ich bin das Mannschaftsmaskottchen, denn ich bin flauschig und gut für die Moral. Ich darf die Ansprache vor dem Spiel halten, wenn wir einen Kreis bilden und gebeugt beisammen stehen. Ich begrüße den Schiedsrichter und die gegnerische Mannschaft, mache die Seitenwahl und sage unser Sprüchlein auf.

Ich kann nicht mehr so viel trainieren wie die Studentinnen; drei- bis fünfmal pro Woche, das ist nicht machbar. Ich muss einen Beruf ausüben und brauche Regeneration: heute acht Kilometer laufen und morgen Schnellkrafttraining in der Halle, das ist wie Schweinebraten zur Vorspeise und als Hauptgang überbackene Gyros-Pizza – irgendwann geht einfach nichts mehr.

Nach der Begrüßung setze ich mich erstmal auf die Bank. Ich werde die meiste Zeit nur in der Abwehr eingesetzt. Ich bin langsam geworden, kann nicht rennen wie die jungen Spielerinnen, die wir Älteren “Quietschies” nennen und die wie Carrerabahn-Autos den Seitenstreifen auf und ab flitzen. Ich stehe stattdessen im Mittelblock, haue ein paar Gegnerinnen weg und halte meine Mitspielerinnen an, es mir nachzutun. Die Jungen sind manchmal zu zaghaft, lassen sich einschüchtern. Sie rennen auch zu früh raus, spekulieren, wollen den Ball erhaschen, wollen immer laufen. So entstehen Lücken – eine Überzahl, die nicht mehr zu stopfen ist. Ich sorge dafür, dass sie an meiner Seite bleiben, dass wir zusammenhalten.

Die meiste Zeit aber ist mein Job, einfach nur da zu sein und gute Stimmung zu verbreiten. Das ist meine Lieblingsaufgabe.

Das Leben als Alterspräsidentin ist ganz schön gut.

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§ 31 Antworten auf Alterspräsidentin

  • Verteidigung ist ein Job, der Erfahrung braucht.
    Und Alterspräsidentin ist ein schönes Wort, vor allem mit knapp über 30.

  • Sascha sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    willkommen im Leben/Sport 2.0 ;-)

  • So macht mein großer Bruder das auch (das darf er jetzt nur nicht lesen…), viel Anweisungen geben, die jungen Raser etwas im Zaum halten, für lustige Verletzungen seinerseits sorgen und Gegner platt machen.
    Habe ich mal die Geschichte erzählt, wie er mit einer vom Handball gebrochenen Hand noch einen kompletten Gig hindurch Schlagzeug spielte, den Stick an die Hand getaped? Ist schon ein Held, der große Bruder…

  • Es ist doch gut, Frau Nessy, dass Sie dadurch die Möglichkeit auf einen quasi sanften Ausklang Ihrer Sportkarriere bekommen.

    Sie können sich so selbst nochmal “in jung” aus der Position der Abwehr (oder später dann nur noch von der Bank aus) beobachten und die Tür zu Ihrer eigenen Vergangenheit Stückchen für Stückchen weiter zumachen, bis sie sanft von allein ins Schloss gleitet..

    Womöglich sogar ein wenig schmunzeln.
    Und sich schrittweise auf Ihre neue, letzte (?) Rolle in diesem Team vorbereiten.

    Denn nichts ist wirklich schlimmer, als auf seinem eigenen Leistungshöhepunkt aufzuhören und in dieser Erinnerung zu verharren, denken Sie nur an die vielen Beispiele, wie das endet (Henry Maske und Co.).

  • Blogolade sagt:

    ich finde, Alterspräsidentin klingt sehr würdig!

  • Richie sagt:

    Bedenken sie einfach folgendes: “Alter und Heimtücke siegen immer über Jugend und Kondition.”

    So ist es. Irgendwann ist man nicht mehr der/die Jüngste, dann ist man “im Schnitt”, dann drüber und irgendwann Alterspräsident(In).

  • jpr sagt:

    Eine wunderbare Ode an die Vor- und Nachteile von Erfahrung. Und wie sie die Sicht auf die Dinge veraendert. Schoen, dass es fuer Sie passt (wie Herr Schattenpriester sagt, ist Widerstand da ja durchaus haeufig).

  • crocodylus sagt:

    Wenn Sie jetzt noch rauchen würden, wären Sie der Helmut Schmidt des Handballs.

    • Nessy sagt:

      Ich habe auch zu allem was zu sagen. Man lässt mich nur nicht.

    • crocodylus sagt:

      Das durfte Schmidt mit kurz über dreißig auch noch nicht. Er musste lange warten bis er stundenlang interviewt wurde. Und natürlich ist der Herausgeber der Zeitung, die ihn interviewt.
      Sie müssten als Ihren Handballclub kaufen, so gesehen.

  • Micha sagt:

    Viele schöne Vergleiche!

    Etwas (Schnelligkeit…) geht, etwas anderes kommt (Übersicht…). Ist schon ne echte Scheiße, dass man für alles einen Preis zahlt. Mittig in den Dreißigern scheint sich das Eintauschen *Körperliches gegen Geistiges* noch die Waage zu halten – ich will doch allerschwerstens davon ausgehen, dass das auch so bleibt! !

  • GG sagt:

    Vor einiger Zeit sagte mir mal eine Jugendliche nach einem Kennenlernen im größeren Kreis: “Du musst keinem sagen, dass du schon vierzig bist. Ich bin achtzehn und schäme mich auch dafür…” – *breitgrins* Alles eine Sache der Wahrnehmung.

  • a. sagt:

    auch die Zeit ist vorbei.

  • a. sagt:

    wie hieß es einst so schön? den 7 Meter rausgeguckt

  • GG sagt:

    Sorry. Es liegt mir fern, dich zu beleidigen.

  • abulak sagt:

    Man muss nicht immer die schnellste sein. Denn es geht nichts über Erfahrung, daran sollten sich die Arbeitgeber einmal ein Beispiel nehmen. Denn schnell ist nicht immer ordentlich!

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