Die Gelbe Wand

19. November 2012 § 31 Kommentare

An einem Wochenende Ballett, am anderen das Gegenteil:
Dortmund, Südtribüne.

Westfalenstadion, Südtribüne

Wohlmeinende Menschen hatten mir im Vorfeld Ratschläge gegeben, wie ich den Besuch auf der Süd unbeschadet überstehe. Ich solle mir vorab Bier über den Kopf kippen, denn ich müsse nach der Herde riechen, da seien Fans penibel wie Rehkitzmütter. Zwischendurch “den Mittelfinger nutzen! Das unstreicht jede Aussage! Auch ohne Anlass!” Wenn mich während des Spiels etwas gelbes Nasses im Nacken träfe, “bete, dass es kalt ist!”

Dann der Tag der Tage, Samstagnachmittag, 14.30 Uhr. Der U-Bahn entstiegen weiß ich nicht recht, wohin. Ich laufe einfach den prolligsten Kuttenträgern hinterher, schon bin ich richtig. Eingang Südost: Die Stimmung ist freudig, die Flaschensammler sind gut im Geschäft, fünf Kerle pinkeln einen Fluss Stift’s Pils gegen einen Zaun.

Von vorne ruft jemand: “Hat hier grad einer ‘ne Dauerkarte gefunden?”
“Wie heißt du denn?”
“Block 11?”
“Wie du heißt!”
“Block 11!!”
“Du Vollpfosten!”
Erstes Gerangel.

Drinnen habe ich Block 84 gebucht, oben unterm Dach, die Ultras sind links unter mir und singen sich warm. “Die Südtribüne bebt dazu // der Gegner weggeputzt im Nu!” Dann die Mannschaftsaufstellung.

Nach drei Minuten fällt das erste Tor, olé, olé, nach vier Minuten das zweite, der Ausgleich. Ich verpasse es, weil ich in der Gegend rumgucke, wer rechnet schließlich mit sowas. Hinter mir steht ein halsloser Gnom in schwarz-gelbem Nachthemd, eine Plauze wie ein Medizinball, das Bier fest an die Brust gepresst. Bei jeder Ballberührung bellt er heiser und hitlerhaft “Schön!”, mit kurzem Ö – das ist sein höchstes Lob, wozu mehr Worte. Kuba im Sechzehner. “Schön!” Lewandowski zum 2:1. “Schön!” Vorarbeit Blaszczykowski, “Schön!”,  Götze zum 3:1. “Schön!”

Sein Nachbarn lässt hingegen kein gutes Haar an allem. “Da läuft meine Schwiegermutter ja schneller”, krakeelt er. Die Dame muss mindestens 110 sein, denn er ist weit über 60. “Keiner geht mit! Da muss ma’ einer mitgehen!” Er wedelt mit seiner Krücke. “Verdorri noch eins!” Die Reihe vor ihm duckt sich. Aber sonst: “Schön!”

Vor mir wippt die einzige Frau weit und breit – von mir abgesehen – auf ihren Fußspitzen, und ich muss mich ein bisschen für sie schämen, denn sie sieht heute ein anderes Spiel als der Rest der Tribüne. Mit schriller Kopfstimme ruft sie zufallsgetrieben: “Huch!”, “Ach!” und “Oh nein!”, man weiß nicht, was sie dazu bewegt, das Geschehen auf dem Platz kann es nicht sein. “Schön!”

Nach dem Spiel gibt es eine “Bratwurst Rote Erde”, dazu ein Bier. Ich treffe Bunke aus der Herrenmannschaft. Er organisiert eine Kanne Kronen und noch eine. Ich bin bald ziemlich betrunken, aber was soll’s. Bunkes Tante ist heute zum ersten Mal im Stadion. Sie kommt aus Unna und muss wieder weg, muss beim Abendessen daheim sein, das hat sie ihrem Gatten versprochen.
“… und ich fahre dann zur Landgrafenstraße?”
“Markgrafenstraße, Tante Monika, nicht verwechseln.”
“Alles klar, also in die U-Bahn und dann Landgrafenstraße.”
“Markgrafenstraße!”
“Sag ich doch.”
Wir haben nichts mehr von ihr gehört.

Wir hängen noch ein bisschen rum, bis uns zu kalt wird, dann mache ich mich auf den Heimweg. “Schön!”

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§ 31 Antworten auf Die Gelbe Wand

  • Croco sagt:

    Boaaaah, was hab ich gelacht. Dankeschön.
    So schön beschrieben haben Sie das, dass man das Bier riecht und einem die Ohren weh tun.

  • jpr sagt:

    Schön!

    //Der musste ja nun sein. Immerhin habe ich nach Ihrer Beschreibung immer so eine Mischung aus Walter Moers “Ich bin wieder da” und Charlie Chaplin “der grosse Diktator” im Ohr.

  • Meine Frau und ich hatten jahrelang Dauerkarten beim American Football, damals, als es Düsseldorf Rhein Fire noch gab, aber ich war noch nie bei einem Bundesligaspiel. Im kommenden Jahr wird sich das ändern. Mein Sohn (8) ist BVB-Fan (keine Ahnung, von wem er das hat, der fußballaffine Teil meiner Familie hält zu M’gladbach). Im Frühjahr wollen wir mit ihm ins Stadion, man hört auch positive Berichte von Familienblocks und so – hoffentlich gibts da Bier, nüchtern ist das eher nichts für mich.
    Erst kürzlich – daran kann man erkennen, wie tief ich in der Materie bin – hat mir mein Bruder gesteckt, dass man BVB-Fans gern mal “Zecken” nennt, sofern man selbst keiner ist. Jetzt spukt mir der Gedanke im Kopf herum, Sohn und Tochter mit fast einheitlichen T-Shirts auszustatten, “Zicke” und “Zecke”. Mal sehen.

  • CoTom sagt:

    Ich glaub, ich kann den Blog nicht mehr weiterverfolgen. Sie haben sich gerade als Erzfeindin entpuppt.
    FC B….. – Stern des Südens ;-)

  • Himmelhoch sagt:

    Bei irgendeiner Anfahrt ins Ruhrgebiet saß ich mit den Fans im Zug – da hatte ich den Eindruck, die waren schon vor dem Spiel so betrunken, dass sie hart am Stadion vorbeigetorkelt sein müssten.
    Mir könnte man das Dreifache des Kartenpreises schenken, es würde mich nicht zu einem Besuch verlocken. – Nur eines weiß ich, den Bayern gönne ich kein Tor, zumindest nicht so richtig!

  • Micha sagt:

    Besser als jede Fankurve ist der geschlagene Bogen von Fußballfreund zur Rehkitzmutter :) – HERRLICH!

    Mit Ihnen zusammen würde ich sogar mein zweites Fußballspiel des Lebens besuchen. Das erste hatte mir einen fiesen Hitzeschlag eingebracht. Wer kalkuliert schließlich mit ein, dass man geschlagene 2 Stunden unter segender Mittagshitze dabei verbringt? Und danach war der Bedarf an Erfahrungen voll… (das Uhh- Uhh- UhhhEFA-Cup klingt mir immer noch im Ohr)

  • zimtapfel sagt:

    Fußball live im Stadion ist großartig!
    Ich war kürzlich erst, nur meiner Schwester zuliebe, beim Spiel HSV-FC Bayern. Alles beides Vereine, für die ich gelinde gesagt nicht so die allergrößten Sympathien hege. Und dennoch hatte ich meinen Spaß. Diese hammergeile Stadionatmosphäre allein schon…
    Das nächste Mal dann im Februar, wenn meine Eintracht hier spielt. Hach!

  • Clemens sagt:

    Herrlich, da fährt man als Anhänger dieses wunderbaren Aufsteigers, dessen Name nördlich von Bamberg keiner richtig aussprechen kann, hocheuphorisch nach Dortmund, um festzustellen, dass das Stadion wirklich sehr groß ist, die Westfalen wirklich laut singen und der BVB wirklich Fußball spielen kann und entdeckt nach punkteloser Rückkehr dann in diesem wundervollen Blog diesen Bericht – danke!
    Und viele Grüße aus der Nähe von “Füaath” ;-)

  • antagonistin sagt:

    Ich fürchte, mir fehlt das Affinitäts-Gen für solche Veranstaltungen. Auf einer potentiellen Liste mit den 100 grauenvollsten Freizeitgestaltungs-Events ever wäre das Beschriebene unter den Top 3. Ganz krass hoher Gruselfaktor. Echt jetzt. :o

    • Nessy sagt:

      Waren Sie schonmal im Stadion? Ich bin auch weder eine Großveranstaltungsgeherin noch Fußballfans – trotzdem war’s prima.

    • antagonistin sagt:

      Nein, aber ich habe während des Studiums mal in Walking-Distance zu einem Stadion gewohnt. Das reicht fürs Leben. Ich glaube allerdings auch ohne diese Erfahrung nicht, dass man alles, was man gruselig findet, perönlich erlebt haben muss. :)

  • Ist denn wenigstens Tante Monika pünktlich zum Abendessen zu ihrem Gatten heimgekehrt?

  • Wissen sie Frau Nessy, Sie könnten auch über das Drama beim HallenHalma Tunier in Bielefeld schreiben, es wäre genial. Vielen Dank dafür!!

    • Nessy sagt:

      Ich fürchte, es würde mir sogar Spaß machen, ausgerechnet in Bielefeld auf den Punkt austrainierte Profi-Hallenhalmisten zu beobachten und im Kopf schonmal Worte für sie zu finden, während sie noch beherzt und mit kriegerisch gen Nasenwurzel gezogenen Brauen Püppchen schieben.

  • SusArt sagt:

    Hach ja. Ich war dieses Jahr schon dreimal dort :-) Immer wieder schön! Und unbeschreiblich – nur auf der Südtribüne war ich noch nie. Aber das kann ja noch werden!

  • glumm sagt:

    Wie sagte die Gräfin zu mir, auf der Tribüne in Leverkusen (gegen St. Pauli): “Sag mal, ist das schlimm, wenn ich andere Sachen sehe als all die Leute um mich herum?”

  • Petra sagt:

    Schön! Schöner! Am Schönsten!

    Boah, was für eine Vorstellung, dass das eventuelle Nasse und auch noch Gelbe von hinten warm sein könnte ….

  • [...] »Sein Nachbarn lässt hingegen kein gutes Haar an allem. “Da läuft meine Schwiegermutter ja schneller”, krakeelt er. Die Dame muss mindestens 110 sein, denn er ist weit über 60.« Draußen nur Kännchen: Die gelbe Wand [...]

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