Wärme schenken

21. Dezember 2012 § 23 Kommentare

In der Innenstadt, vier Tage vor Heiligabend.

Waerme schenken

Was ein Symbolbild, denkt man sofort: das Nachtlager des Obdachlosen, ausgerechnet unter diesem Werbeplakat.

Ich gehe jeden Tag an diesem Geschäft vorbei. Das Lager gehört einem jungen Mann, der nachts dort schläft; nach Ladenöffnung rückt er fünf Meter weiter und setzt sich auf seine Decken. Dieser Tage, an denen es kalt ist und regnet, legt er sich tagsüber zwei Decken über den Körper, die Beine sind meist zur Brust gezogen, ein Pappbecher für Münzen klemmt zwischen seinen Knien. Der Regen legt sich auf die Decken und bleibt in kleinen Perlen zwischen der Wolle liegen. Desgleichen der Schnee, der im März und in der vergangenen Woche fiel.

Abends rückt er zurück in den Geschäftseingang und bereitet sich für die Nacht vor. Würde er nicht dort sitzen, man hielte ihn für einen Studenten oder einen Handwerksgesellen. Er ist vielleicht 25 Jahre alt, höchstens 30. Manchmal trägt sein Gesicht Schorf, ab und an hat er neue Schuhe. Er liest viel, während er dort sitzt. Eine Hand hält immer ein Buch.

Seit zehn Monaten gehe ich jeden Werktag an ihm vorbei; seit zehn Monaten sitzt er dort. Er bewegt sich nicht viel von diesem Ort fort, denn egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit ich dort entlang gehe – und ich gehe mehrmals am Tag dort entlang -: Er ist fast immer dort. Nur wenn ich morgens zehn Minuten früher dran bin, so wie heute, ist er nicht da. Es scheint, als sei er in den vergangenen 300 Tagen nirgendwo anders gewesen.

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§ 23 Antworten auf Wärme schenken

  • Im Laden die Luxusartikel – davor bitteres Elend… Was für ein Bild…

  • apostelchen sagt:

    sehr bedenklich,aber Realität.

  • Julia M. sagt:

    Ich frag mich gerade, ob der Angestellte, der das Poster aufhängen musste (und ja mit Sicherheit von dem jungen Mann weiß!) bewusst war, wie absurd das ist … Und ob der wohl ein mulmiges Gefühl gehabt hat beim Aufkleben …

  • SilkeSolingen sagt:

    Ich hab für diese Leute immer den ein oder anderen Euro in der Tasche. Man kann schneller so tief stürzen als man denkt…

    • Nessy sagt:

      Was mich bei dem jungen Mann bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass er sich binnen neun Monaten nicht einmal großartig vom Fleck bewegt hat.

  • Lia sagt:

    Wie schade – mein erster (weihnachtlich-sentimentaler?) Gedanke beim ersten Blick auf das Bild war eine Sammelaktion des Ladens für Obdachlose… In meinem Kopf klang das dann in etwa so: Oooooh… oh.

    • Marén sagt:

      Das war auch meine erste Idee.

      @Nessy: Haben Sie sich mit dem jungen Mann jemals unterhalten? Oder dem Ladenpersonal? Entschuldigung, aber auf mich wirkt der Artikel eher voyeuristisch (ohne mir über Ihren Blog im Allgemeinen eine Meinung bilden zu können).

    • Nessy sagt:

      Was ist daran voyeuristisch, Gegenstände in einer öffentlichen Fußgängerzone zu fotografieren?

    • Marén sagt:

      Und ich dachte, es ginge in diesem Artikel um einen obdachlosen jungen Mann, den Sie 300 Tage lang täglich im Vorbeigehen beobachteten. Eine lange Zeit, in der man durchaus Unterstützung hätte anbieten oder zumindest persönlichen Kontakt herstellen können. Mich interessierte, ob Sie das getan haben und wenn nicht, was Sie davon abgehalten hat.

    • Nessy sagt:

      Nein, ich habe ihn nicht angesprochen und ihm nichts gegeben. Ich erkläre auch gerne, warum: Ich kaufe Straßenzeitungen und gebe Menschen, die Instrumente spielen. Ich gebe Alten und Gebrechlichen. Ich spende an Familien in einem Projekt gegen Kinderarmut.

      Ich gebe keinem jungen Mann, der nur den Becher hinhält.

      Bevor der Einwand kommt: Natürlich kann ich trotzdem das Bild bloggen und die Hintergründe zu diesem Bild schildern. Jeder Leser kann ja zu einer anderen Einschätzung kommen.

  • Filinchen sagt:

    Das geht mir ganz stark unter die Haut.

  • Ich frage mich oft, wie ich denn tatsächlich reagieren würde, wenn da in der Weihnachtszeit abends ein Bettler vor meiner Haustür stände und nach einer trockenen, warmen Bleibe sucht.

    Würde ich ihn hereinbitten? Ihn versorgen?
    Ich hoffe, ich habe in diesem Moment dann die Stärke, auch tatsächlich so zu reagieren.
    Und dass mir auch rechtzeitig wieder einfällt, wie schnell man “ganz unten” aufschlagen kann.

    • Ralf sagt:

      Aus meiner Tätigkeit für einen Verein, der sich um Randgruppen kümmert, kann ich sagen: es wird nicht vorkommen, dass ein Obdachloser um Unterkunft bittet.

      Aber statt sich zu wundern, was man in einer solchen Situation tun kann/würde: informieren, welche Vereine oder Einrichtungen gibt es vor Ort um diesen Menschen beizustehen.

      Im Zweifelsfall sollte man wissen wo der Pfarrer der nächsten Kirchengemeinde wohnt, denn oft ist er in extremen Situationen die letzte Zuflucht für Menschen in Not. Aber auch die Städte und Gemeinden haben die Verpflichtung im Notfall eine Belibe zu stellen. Die Betonung liegt aber leider auf “Notfall” und dass wird dann oft wieder eine Ermessenssache

  • Ralf sagt:

    Ich gehöre zu den Menschen, die an solchem Elend nicht vorbeigehen, sondern etwas FÜR diese MITmenschen tun. Jeder sollte daran denken, dass ein solches Leben oft durch eine Verkettung von Umständen verursacht wird, die nicht immer im Einflussbereich der Betroffenen liegt.

    Mann kann jetzt stundenlang darüber diskutieren, wer es verschuldet hat, bringt aber nichts, Fakt ist, diese Menschen brauchen JETZT HILFE und kein dummes Gerede.

    Viele werden jetzt sagen: da labert wieder einer dumm rum und macht auch nichts. Irrtum: wer bei uns in der Gegend wohnt, ist herzlich eingeladen uns zu besuchen und mitzuarbeiten oder uns zu fördern:

    http://www.klosterpforte-kleve.de/ oder fast überall http://www.tafel.de

    Danke an unsere Autorin, die dieses Thema aufgebracht hat

  • kvinna sagt:

    Ja, so ein Post wie der hier könnte von mir sein.

    Aber vor ein paar Jahren – ich lebe stadtnah, aber eher ländlich – wohnte einmal für einige Wochen im Glashäuschen der Bushaltestelle am Ortseingang des Nachbardorfs ein Mann von schwer zu schätzendem Alter, gleich gegenüber dem Küchenfenster einer Freundin von mir.

    Die Temperaturen fingen gerade erst an, ein wenig ungemütlich zu werden.

    Da bin ich sehr mit mir ins Gericht gegangen und gesprochen haben wir im Freundeskreis viel darüber.

    Warum den Mann nicht einfach mal auf einen Kaffee einladen?

    Letzten Endes haben wir ihm nicht mal einen Kaffee ‘rübergebracht.

    Da bin ich mit mir nicht im Reinen. Und werd’s vielleicht nie sein.

    Weil mein Kopf immer durchspielt, was da womöglich dranhängt und nachkommt an der Tasse Kaffee.

    Berührungsangst nenn’ ich das, vielleicht.

    Ist die zu entschuldigen?

    Eine ehrliche Frage!

    • Nessy sagt:

      Zum Einen denke ich: Sie sind nicht verpflichtet, ihn in Ihr Haus zu lassen. Sie sind verpflichtet zu helfen, wenn der Mann Hilfe braucht, z.B. zu erfrieren droht.

      Ich hätte die gleichen Berührungsängste – wegen dem, was da dranhängt. Außerdem ist es normal, dass man als allein lebende Frau Angst hat, Hilfsbereitschaft könnte ausgenutzt werden. Ich lasse niemanden in meine Wohnung, den ich nicht kenne.

      Mal fragen, ob man helfen kann, einen Kaffee oder ein Brötchen anbieten, ist zum Anderen vielleicht drin. Vielleicht braucht er auch warme Kleidung. Manchmal hat man ja was übrig.

    • kvinna sagt:

      Ja! Bevor das ausdiskutiert war damals mit den Freunden, war der Mann schon weitergezogen. Womöglich mangelt es manchmal einfach an Beherztheit zum richtigen Zeitpunkt.

  • Praline sagt:

    Vor einer solchen Entscheidung würde ich mich vermutlich auch drücken, aus Angst vor der Verantwortung, die man u. U. übernehmen müßte, die einen dann überfordert . Es ist feige und ich schäme mich auch dafür.

  • mkorsakov sagt:

    Ist das nicht auch der Laden, der Plakate mit dem Spruch »Draussen zu hause« in unsere Innenstädte kleistert?

  • Nein, es gibt keinen Grund, nicht zu helfen – oder: Ja, es gibt unendlich viele Gründe für ein Hilfsangebot.
    Wir können unserer Intuition nachgehen und den Wärme Suchenden fragen, ob und gegebenenfalls wie wir helfen können.
    Bedenklich ist, wenn wir ein eventuelles Hilfsangebot nur unter von uns definierten Bedingungen machen.
    http://sozialverantwortung.wordpress.com

  • bikibike sagt:

    Hm, vielleicht liegt es an meinen Erfahrungen in Ost- und Südeuropa. Ich habe auf Motorradtouren mehrmals erlebt, dass wir einfach so Übernachtungen, Rastplätze, Kaffee, Alkohol und Brot angeboten bekamen. Obwohl sicher auch in diesen Ländern dazu keine Verpflichtung bestand.

    Warum tun das Menschen dort und warum müssen wir uns ver”pflicht”et fühlen bevor wir auf jemanden zugehen? Warum gibt es hier so starke Berührungsängste, Fremdem gegenüber – ob obdachlose Lebensform oder die Kultur aus einem anderen Land?
    Ich spreche immer wieder mal Menschen an (anhalten, wenn ein italienisches Motorrad am Rand steht, 2 Kaffee kaufen und einen verschenken und ins Gespräch kommen – oder besser vorher fragen, die türkische alte Oma fragen, ob ich ihre Einkaufstasche auf dem Rad transportieren soll…) und finde es selbstverständlich. Es tut nicht weh, kostet ab und zu mal was, meistens einfach Zeit und es gab noch nie negative Folgen. Von einem ausgiebigen Gelage mit Kopfschmerzen mal abgesehen.

    Frag ihn doch mal, ob er einen Kaffee mit dir trinken mag. Dann erfährst du vielleicht auch, warum er als junger Mann überhaupt da wohnt und warum er so fest an diesem Platz bleibt. Ich wäre neugierig.

  • Pess sagt:

    Hallo Nessy,

    trau Dich und sprich ihn an. Geld geben, halte ich für Freikaufen durch Geld. Ich habe selber schon erstaunliche Gespräche mit “solchen” Leuten geführt und auch schon mal eine Frau bei mir übernachten lassen. Das würde ich allerdings nicht wieder tun, weil es wirklich heikel ist und bleibt. Vielleicht würde man durch ein Gespräch den Hintergrund etwas besser verstehen, auch wenn man nicht unbedingt viel machen kann, und ich denke, Zuneigung, und sei es auch nur ein kurzes Gespräch, ist ihm vielleicht mehr wert, als ein beiläufig hingeworfener Euro.

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