Der Rest vom Ruhrgebiet: Dortmund-Hörde

23. November 2012 § 14 Kommentare

Nach Essen-West ein weiterer Stadtteil:
Dortmund-Hörde.

Es hat zwar schon jemand über Dortmund-Hörde geschrieben, aber das kann ich so nicht stehen lassen. Denn so ist Hörde nicht. Hörde ist herzlich. Hörde ist freundlich. Doch von vorn.

Der ganze Humor der Ruhrgebiets zeigt sich im Wahrzeichen der kleinen Hörder Innenstadt: der Schlanken Mathilde, einer dreiarmigen Laterne mit Uhr, der Mittelpunkt des Marktplatzes. Namensgeberin ist der Überlieferung nach eine Bürgermeistersfrau, die ziemlich drall war.

In Hörde ist manches nicht so, wie es scheint: Der Stadtteil hatte lange Zeit einen schlechten Ruf, denn Hörde, das sind einfache Arbeiter, das sind Türken und Italiener, das sind die Russen vom Clarenberg, das ist Hoesch, das Stahlwerk, die alte Hermannshütte, die Chinesen ab- und in China wieder aufgebaut haben. Vier Jahre später hat Dortmund an gleicher Stelle ein Loch gegraben, es war ein großes Loch, 2,5 Millionen Kubikmeter Bodenaushub, hat Wasser reingelassen, und heute ist dort ein See. Der See ist recht hübsch, er kräuselt sich gerne im seichten Dortmunder Wind, rundherum wird viel und teuer gebaut, und an sonnigen Sonntagen schiebt die neue Dortmunder Schickeria mit ihren Bugaboo-Kinderwagen in gleichgültiger Eintracht mit den alten, leicht hinkenden Gastarbeitern und ihren in wallende Gewänder gehüllten Frauen das Ufer entlang. Nebeneinander besteigen sie den zu einem künstlichen Hügel aufgetürmten Aushub und blicken versonnen über die reflektierenden Dächer der Autos, die hinter der Lärmschutzwand über die B236 nach Schwerte und Lünen brummen. Doch das ist, wie alles hier, nur eine Seite der Medaille: Drehen sie sich herum, sehen sie die herausgeputzte Hörder Burg, den gesamten Dortmunder Süden bis zum Westfalenstadion und zum Florianturm.

Von Hörde aus ist alles nah: die Vergangenheit und die Zukunft, der Schwerter Wald, der Botanische Garten, die Ruhr und das Stadion, der Westfalenpark mit seinen Lichterfesten, Industriekultur und Schrebergärten, drei Autobahnen und noch mehr Bundesstraßen, Pferdeweiden und die Hohensyburg.

Während sich alles renoviert, bleiben die Menschen, wie sie sind. Sie sind so normal, man möchte Politiker einladen, hier zu wohnen, in den Ghettolemmi zu gehen, den Wochenmarkt zu besuchen, an einem Sommersamstagmorgen zum Frühschoppen im Hörder Treff zu sitzen, sich von Ludmilla die Hose kürzen zu lassen und die Entenfamilie zu besuchen. Hörde ist alles, Hörde ist gestern und heute, war Stahl und Schmutz, ist jetzt mit der Hand fassbarer Wandel und wird die Zukunft sein, eine der möglichen Zukünfte, die es im Ruhrgebiet derzeit gibt.

Das Alte, das Neue, das Normale, die erstarrte Industrie, das erwachende Grün, die Zuversicht und die prollige Herzlichkeit der Menschen – das alles ist das Schöne an Hörde.

Der Rest vom Ruhrgebiet: Die Essener Weststadt

16. November 2012 § 43 Kommentare

Es begann alles in Hamburg.

Herr Buddenbohm schrieb über Hamburg, natürlich über Sankt Georg, worüber auch sonst, dort wohnt er schließlich. Danach hat er andere Leute dazu gebracht, über einen Hamburger Stadtteil zu schreiben. Frau  Anne findet, das sollte nicht auf Hamburg beschränkt sein; das schaffen wir für das Rubrgebiet auch. Ich schließe mich ihr an und schreibe über die Essener Weststadt. Wer mitmachen will, ob als Gastblogger oder auf seinem eigenen Blog, der melde sich bitte bei Frau Anne – sie sammelt das ein.

Die Weststadt, ein Niemandsland

Gebäude. Geäst. Essen-West.

Die Weststadt ist ein Niemandsland.

Eingekeilt zwischen einer der freudlosesten Universitäten des Landes und Deutschlands einzigem Innenstadt-Ikea auf der einen Seite, einer Bahntrasse, der Autobahnauffahrt nach Mülheim und dem Gebäude-Koloss des größten deutschen Regionalzeitungsverlags auf der anderen Seite ist sie selbst: nichts. Nicht Frohnhausen und nicht Holsterhausen, nicht Innenstadt und schon gar nicht Rüttenscheid, kein Stadtteil im eigentlichen Sinne, alles grenzt nur an. Die Essener Weststadt ist eine Ansammlung von Brachflächen, Elektronikmärkten und Möbelhäusern, kleinen Gewerbetreibenden und, ach ja, da war doch noch was, dem Collosseum, der ehemaligen Kruppschen Werkstadthalle, die bis 2010 monumentale Musicalstätte war und die man jetzt mieten kann. Zwischen all dem gibt es ein paar Wohnhäuser und zwischen all dem habe ich fünf Jahre meines Lebens gelebt.

Als ich hinzog, sagte die Torfrau, dass viele ihrer Kunden von dort wech kämen. Sie arbeitet in einem Kinderheim, einer Inobhutnahmestelle, dort, wo die Kinder zuerst stranden, wenn es in der Familie nicht mehr geht. Tatsächlich zog mir gegenüber bald die Ketchup-Familie ein, Stammgäste des Kännchen-Cafés kennen sie noch, eine Mutter mit ihren vier Kindern, der Vatta im Knast, so wusste es der Oberinspektor zu berichten. Drei Straßen weiter befindet sich auch heute noch die Essener Suchthhilfe, ausgerechnet in der Hoffnungsstraße.

Trotz aller Gegenargumente habe ich gerne dort gewohnt, denn die Weststadt ist zwar nichts, sie ist aber nah bei, nah an der Innenstadt, nah am Hauptbahnhof und nah an Rüttenscheid, diesem Prenzlauer Berg Essens – nun ja, so ungefähr. Nachts hörte ich von der einen Seite das Feuewerk, das die Musicalbesucher verabschiedete. In all den Jahren habe ich es nie gesehen, immer nur das Knallen und Knistern der Feuerwerkskörper gehört, ein Autohaus versperrte den Blick. Auf der anderen Seite erklang die Bahntrasse zum Hauptbahnhof, das Rattern und Klappern von Waggons in der Nacht, das Hupen von Lokomotiven, schwere Güterzüge. Dazu das unterschwellige Rauschen der A40, dieser Schlagader, die im Ruhrgebiet alles am Leben erhält und sich, chronisch verstopft, seit Jahrzehnten vorm Infarkt befindet. Es waren fast poetische Geräusche, leise hallend und vom Mond beschienen, die Geräusche einer Großstadt, der ehemaligen Schwerindustriestadt, Stadt der Konzernzentralen.

Essen-West, verschneit

Eine Enklave.

Ich lebte also im Niemandsland, aber wir haben auf uns achtgegeben, der Unterinspektor, der Mann mit dem kleinen, weißen Hund, der papierdünne Opa und ich – und alle gemeinsam haben wir nach dem Oberinspektor gesehen, der nach dem Tod seiner Frau zu vergehen drohte wie eine welke Tulpe; und nach der Ketchup-Familie, damit den Jungen nichts Böses widerfuhr, etwas, das ich der Torfrau hätte erzählen müssen, so dass die Ketchupkinder in ihre Obhut kommen. In der Weststadt lebte auch Angela, eine Frau mit Tetraspastik, deren Rollstuhl einen kleinen Elektromotor hatte, dessen Batterie immer nur für den Hinweg ausreichte. Ich traf sie stets, aus der Innenstadt kommend, auf der Alfred-Herrhausen-Brücke, ihre Hände drückten gegen die Räder, zitterten vor Anstrengung. “Die Batterie ist alle, nie reicht die Batterie”, sagte sie jedesmal, und ich schob sie nach Hause. Nicht ein Mal erkannte sie mich bei diesen zahlreichen  Begegnungen wieder, und so stellten wir uns stets von Neuem vor, während ich sie in ihre winzige Wohnung fuhr.

Irgendwann wurde neben den City-Ikea, in den ich für Teelichter immer zu Fuß ging, ein Shoppingtempel gebaut – mit 70.000 Quadratmetern eines der größten innerstädtischen Einkaufzentren Europas, etwas, das sonst nur auf der grünen Wiese entsteht. Aber Essen hat keine freien Wiesen, Essen ist voll, deshalb wurde erst etwas abgerissen und dann dieses riesige Rund, ein Ufo mit bunten Lichtkugeln, mitten in die Stadt gesetzt – mit Kraft, Lärm und Gewalt, so geht’s im Ruhrgebiet, auch wenn Stahl und Kohle nicht mehr hier zu Hause sind.

Mit dem Einkaufszentrum gab es plötzlich einen Bäcker in meiner Nähe – nicht nur einen, sondern gleich mehrere, wie das in einem Einkaufsparadies so ist, und ich konnte Samstagsmorgens dort hingehen und Brötchen holen. Wenn ich dann mit wirrem Haar und in Schlumperhose zwischen all den angestrengten Shoppingwütigen stand, war ich ganz Weststadt: irgendwie unsichtbar, irgendwie nicht schön, aber trotzdem da.

Neben das Ufo und die ehemalige Krupphalle Collosseum, auf das Areal eines Güterbahnhofs, wird seit meinem Fortzug eine neue Stadt gebaut. Die Planer nennen sie die “grüne Mitte Essens“, ein kleines Venedig mit Kanälen und teuren Eigentumswohnungen, ein Universitätsviertel, in dem keine Studenten wohnen werden. Das Niemandsland wird Hippsterland.

Als ich vor einigen Monaten wieder einmal in Essen war, ging ich auch durch die Weststadt – und habe natürlich den Oberinspektor getroffen. Es geht ihm gut.  Er war zuletzt sogar in Italien im Urlaub, ohne seine Frau, mit einer Busgesellschaft, das sei sehr traurig gewesen, aber auch schön. Er habe seine Lebensliebe im Herzen mitgenommen, sagte er, so sei es fast gewesen wie zu Zweit.

[Ergänzung von Elizabeth]

Ghettolemmi

15. August 2012 § 70 Kommentare

Seit dieser Woche gibt es ein neues Einkaufsparadies im ehemaligen Ghettonetto: einen Ghettolemmi.

Die Einrichtung ist schlicht: Drahtkörbe und Paletten. Das Sortiment ist es auch. Es gibt nur das, was wirklich nachgefragt wird – also kein Obst und Gemüse. Dafür Restposten an Fleisch, Ketchup, Süßigkeiten und Kaffeepads.

Am Eröffnungstag steht ein magerer, pusteliger Mitarbeiter neben der Eingangstür und tritt von einem Fuß auf den anderen. Luftballons wiegen sich im Wind. Neugierige drängen sich vor den Waren, die den Eingang säumen. Eine Oma wirft mit lässigem Schwung zwei Tüten Chips in den Korb ihres Rollators.

Der Mitarbeiter ist Käpt’n eines hölzernen Glücksrads. Minimal auffordernd stupst er das Rad an. Es dreht sich ratternd und bleibt bei einer Niete stehen. Die Stimmung ist verhalten ausgelassen.

Ich gehe an ihm vorbei, ziehe einen funkelniegelnagelneuen Einkaufswagen aus der Führungsschiene und schiebe ihn durch den Laden. Es gibt Produkte, bei denen das Haltbarkeitsdatum fast abgelaufen ist. Außerdem Waren aus Holland und aus Polen. Die Getränkeflaschen sind größer als anderswo: Riesenkübel mit zwei Liter Fassungsvermögen.

In der Kühlabteilung, einem abgetrennten Raum im Raum, der dröhnend mit kalter Luft bepustet wird, stützt sich eine massige Frau auf ihren Einkaufswagen. Mit ihren Kinns deutet sie auf eine Palette bunter Becher und ruft einem hageren Typen zu: “Kukma, Kinderjochurts! Nur neunzehn Zentz dat Stück. Die isst unsere Dschoi doch so gerne!” Sie dreht den Kopf zu einem kleinen, pummeligen Mädchen mit blonden Locken. “Wonnich, Dschoi?”

Das Kind, das gerade intensiv eine Auslage von Riesenfleischwürsten studiert, entgegnet aus tiefstem Herzen: “Hääää?”

“Ich hab’ gesacht, dattu die Kinderjochurts so gern isst. Die gibbet hier für neunzehn Zentz. Da könnwa dir ma watt Gesundes kaufen, dat auch schmeckt.”

Dschoi hüpft freudig auf und ab. Aber das Glück währt nur kurz. Von hinten ruft jemand: “Erbil! Langsam!”, doch es ist zu spät: Ein kleiner Junge fährt Dschoi volles Pfund mit einem Laufrad in die Flanke. Dschoi fängt augenblick an zu heulen, besitzt aber noch ausreichend Geistesgegenwart, um zu einer eingeschweißten Fleischwurst zu greifen. Ansatzlos holt sie aus und schallert Erbil damit eine. Der reißt vor Schreck erst die Augen auf, die Szene gefriert für einen Moment im Raum-Zeit-Kontinuum, dann beginnt er innerhalb von Sekundenbruchteilen derart zu flennen, dass ihm die Speichelfäden das Kinn hinuntertropfen.

Ich kaufe, um überhaupt etwas zu kaufen, eine Packung mit Popcorn, das, wenn man dem Etikett glauben darf, von Daniela Katzenberger persönlich mit Schokolade dragiert wurde, und verlasse den Laden. Neben mir rattert das Glücksrad. Man hätte die Figuren in diesem Aldi-Downgrade nicht besser erfinden können. Das wird ein großer Spaß.

Ghettonetto – und was danach passierte

25. Juli 2012 § 45 Kommentare

Ein paar Worte zu meiner Supermarkt-Situation:

Nachdem vor einigen Monaten der Ghettonetto fort- und dem Strukturwandel entgegen gezogen ist, befindet er sich außerhalb meiner Reichweite. Dafür gibt es nun einen frisch renovierten Rewe, den ich mit dem Bus erreiche:

Die Einkaufssituation

Meine Supermarkt-Situation: Der Ghettonetto ist dem Strukturwandel entgegen gezogen und für mich nun weit ab vom Schuss, der Rewe erstrahlt in neuem Glanz.

Grund für die Entwicklungen im Einzelhandel ist der Strukturwandel. Er krempelt grad meinen Kiez um. Fördertürme und Stahlwerke kommen weg, stattdessen wird Naherholung hergestellt: Rasen wird gesät; Seen werden angelegt; noch schüchterne Baumsetzlinge stehen auf schlackehaltigem Grund und beobachten Sonntag um Sonntag neugierig promenierende Ruhrgebietsmalocher, die sich heute ansehen, wo sie morgen abspannen und gestern noch unter Schweiß und Schmutz Erz verhütteten.

Wo aus Hochöfen Industriekultur und aus Stahlwerksbrachen Parkanlagen entstehen, werden auch neue Immobilien gebaut – architektonisch anspruchsvolle Niedrigenergiehäuser mit Glasfronten und Panoramabalkonen, gepflegte Eigentumswohnungen mit direktem Blick ins jungfräulich sprießende Grün. Mit den Bauherren zeichnet sich wachsende Kaufkraft ab – und dort, wo bald das Geld hinzieht, ist auch der Ghettonetto hingezogen. Nicht, dass der Ghettonetto ein Einkaufsparadies für die gehobene Kundschaft wäre, aber irgendwie möchte doch jeder ein Stück vom Kuchen abbekommen, auch der Kolonialwarenhändler.

Der Rewe, den ich statt des Ghettonettos nun aufsuche, hat die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt und sich in den vergangenen Monaten kernsaniert: das Außen, das Innen, das Sortiment, die Scannerkassen und die Kittel der Angestellten. Nur die Kundschaft hat sich nicht renoviert, was den Gesamteindruck etwas trübt. Denn sie neigt – Strukturwandel hin oder her – immer noch dazu, sich von der Bäckereitheke im Foyer durch die Gemüseabteilung bis zum Pfandautomaten zu prügeln, wenn es denn nötig ist; Kleingruppen von Männern in Trainingshosen erwerben Toastbrot, Hartwurst und Alkoholika, die sie noch vor Verlassen des Geschäfts unter der rechtschreibfreien Kleinanzeigen-Tafel verzehren; Muttis mit und ohne Hauskittel, mal mit Hijab, mal ohne, in Stringtanga und Hüfthosen oder in schwarzer, bodenlanger Hidaja schieben ihren an Sommertagen nur mit einer Baumwollunterhose bekleideten Nachwuchs durch die Gänge, reißen vorm Kauf die Blätter von den Kohlrabi und marodieren durch die Auslagen der neu konzeptionierten Feinkostabteilung wie durch einen Leibwäsche-Wühltisch bei Woolworth. Da hilft es auch nichts, dass die frisch installierte Akzentbeleuchtung die Szenerie in stimmungsvolle Wohlfühlatmosphäre taucht. Man möchte am Eingang des Geschäfts gerne eine Schild aufstellen, das dem Eintretenden signalisiert: “Achtung, Sie verlassen jetzt den proletarischen Sektor und betreten den gentrifizierten Supermarkt!”, damit die Kundschaft versteht, dass es ab hier ernst für sie wird, dass die Spaß-Einkäufe in zwangloser Schlumperkleidung vorbei sind, dass sie jetzt bitte illuster sein soll.

Zurück zu meinem alten, verwaisten Ghettonetto. Dort hängt seit einer Woche ein Schild im leeren Schaufenster: “Hier zieht bald ein neuer Discounter ein”, daneben Job-Angebote. Frauen in Hüftjeans und Synthetik-Blusen, mit und ohne Kopftuch, stehen Tag für Tag davor und notieren sich die Mobilfunknummer des Discount-Managers. Der Strukturwandel hier ist eine Moräne, die sich gemächlich durch mein Viertel schiebt und dabei eine Menge Geröll bewegt. Bis er allerdings in meinem Straßenzug angekommen ist, werden noch einige Jahre ins Land ziehen – und es wird einen neuen, alten Ghettonetto geben.

Die Bistrogardine

2. Mai 2012 § 79 Kommentare

An dieser Stelle
möchte ich mal eine Lanze für die Bistro-Gardine brechen.

Für alle, die mit dieser Art Behang nicht vertraut sind: Eine Bistro-Gardine ist ein gewebter, gerne auch gehäkelter, manchmal mit Applikationen verzierter, immer aber auf einer Stange aufgezogener Vorhang, der den unteren Teil eines Fensters bedeckt – manchmal auch den oberen, aber das ist dann fast schon PopArt. Für die Küche werden gerne Motive mit grasenden Gänschen verwendet, manchmal auch mit Kaffeemühlen, obwohl kein Mensch mehr Kaffeemühlen verwendet; vergleichsweise neu im Markt sind deshalb Modelle mit Latte-Macchiato-Gläsern. Für das Kinderzimmer werden Pooh-Bären oder Tiere von ähnlicher Gestalt angeboten, seltener dicke Bauarbeiter, bisweilen auch Themen für den jungen Fußballfan.

Die Bistrogardine, im Fachjargon auch “Kurzstore” genannt, ist in der Ausführung mit Taftborte und Kräuselband die deutscheste aller Gardinen unter den fertig konfektionierten Heimtextilien. Allerdings, und das ist ihr Manko, haftet ihr das Image des Spießbürgerlichen an. Wer Bistrogardinen mag, hat auch eine Wohnwand, einen Zimmerbrunnen und eine apricotfarbene Sitzlandschaft vor einer mit Schwammtechnik bearbeiteten Raufasertapete. Aus diesem Grund konnten bislang nur Möbelhausmitarbeiter aus Trendstädten wie Butzbach oder Oer-Erkenschwick reinen Herzens Loblieder auf die Bistrogardine singen.

Das ist nun vorbei. Ich appelliere an alle Erdgeschossbewohner deutscher Großstädte: Kauft Euch Bistrogardinen! Denn auf nur einem Spaziergang vom neuen Ghettonetto nach Hause erblickte ich heute sage und schreibe drei Parterre bewohnende, nackte Ärsche, darunter zwei erheblich behaarte, die hinter einem erleuchteten Fenster ihren häuslichen Verrichtungen nachgingen. Es scheint, als sei ausgerechnet am 2. Mai, einen Tag nach dem Kampf der Arbeiterbewegung, der Tag der blanken Kiste in meinem Kiez gewesen – vielleicht lag es nur an der Gewitterschwüle, die sich bleiern in die Genossenschaftswohnungen drückte, vielleicht war auch Rainer-Langhans-Memorial-Day.

Nun ist es zugegebenermaßen jedem unbenommen, sich in seiner Heimstatt zu bewegen, wie er mag: mit und ohne Kleidung, im Jogger oder in einem aufgrund eines Wollfetischs mundgestrickten Ganzkörper-Angorapullover. Aber denken Sie auch an arglos vorbeigehende Menschen. Menschen wie du und ich, die nicht umhinkommen, in hell erleuchtete Fenster zu blicken und dort zu sehen, was sie nicht sehen sollen, nicht sehen möchten, was ihnen für die nächsten Stunden im Gedächtnis haften bleibt wie ein Michael-Ballack-Sammelsticker an einem Kinderzimmerschrank.

Seien Sie soldarisch. Kaufen Sie sich eine Bistrogardine.

Han junior

2. Mai 2012 § 14 Kommentare

Ich treffe Nachbar Han im Flur.
(Sie erinnern sich an unser erstes Treffen? Damals war seine Mutter dabei.)

Han: Ich musse mich entschuldigen. Baby hat so laut geweint gestern.
Nessy:  Habe ich gehört, ja. Kommt vor.
Han: Haben Sie gehört? Oh, tut mir leid.
Nessy: Nein, kein Problem. Babys machen das, kein Problem.
Han: Oh, doch, doch. Möchte nicht, dass Sie eine Belästigung haben.
Nessy: Wirklich, kein Problem. Babys weinen manchmal.
Han: Ich möchte mich entschuldigen, auch im Namen von mei Frau.
Nessy: Es ist alles in Ordnung. Wirklich!
Han: Wissen Sie, Baby hatte Bauchschmerzen. Schreit dann ganz laut.
Nessy: Passiert manchmal. Aber ist kein Problem.
Han: Ist wirklich kein Problem? Sonst müssen Sie sagen. Dann verlegen wir Kinderzimmer an andere Seite.

Um Gottes willen!

Nessy: Nein, nein, wirklich! Alles total okay!

Ich werde nie wieder sagen, dass ich das Kind schreien gehört habe.

[Frau Blogolade hat Ähnliches übrigens prophezeit.]

Der Ghettonetto zieht fort

17. April 2012 § 73 Kommentare

Oh nein!

Der Ghettonetto schließt. Das schmucke Ghettonetto-Gebäude wird abgerissen. Der Markt zieht fünf Straßen weiter in einen alten Edeka-Markt – und damit zu weit fort, als dass ich einen Hackenporsche voller Köstlichkeiten von dort nach Hause ziehen könnte.

Ich bin tief betroffen. Was soll nun werden?

In Memoriam:

Schluss mit Timo

15. März 2012 § 24 Kommentare

Zwei Schnallen, Mitte 20, räumen im Ghettonetto ihre Einkäufe vom Wägelchen in Plastiktüten und unterhalten sich.

Eins: … musste ich getz widda umziehen.
Zwei: Hasse mit Dominik Schluss, odda watt?
Eins: Mit Dominik hab ich doch schon seit Oktober Schluss. Danach war ich mit ‘nem anderen zusammen. Kennze nich’. Heißt Timo, Timo Schlüter.
Zwei: Watt, der Schlüter? Mit dem hasse zusammengewohnt?
Eins: Ja, watt denn?
Zwei: Der war doch vorher mitte Miri zusammen, Miri vonne Bleichstraße. Die mit die vier Kinder. Hat der nich’ auch eins mit dieser Dicken von Wattenscheid, mit der er schon inne Grundschule zusammen war?  Hat dat nich’ damals dat Jugendamt wech genommen?
Eins: Dat weiß ich doch allet.
Zwei: Seit wann hasse denn Schluss mit dem?
Eins: Seit zwei Wochen.
Zwei: Bis’ abba nicht schwanger, nä?
Eins: Also wenn, dann kann dat nich’ von ihm sein.
Zwei: Also bisse schwanger, odda watt?
Eins: 
Kann sein, weiß ich noch nich’. Musste erst umziehen. 
Zwei:  
Kenn’ ich, manchmal merkt man dat nich’ so.

Quarkriegelchen

29. Februar 2012 § 68 Kommentare

Mjamm!

Quarkriegel

In jedem Land, das ich bislang besucht habe, habe ich großartige Köstlichkeiten entdeckt. In Russland waren es Blini und Sirniki – und Sirok, Quarkriegel mit Schokoglasur. Sirok ist ein bisschen wie Kinder-Pingui, aber viel weniger süß, außerdem quarkig und frisch. Es gibt verschiedene Geschmacksrichtungen: pur, Vanille, Erdbeer, Orange und Kondensmilch. Pur, Vanille und Kondensmilch sind eine Offenbarung, wildes Entzücken, reine Glückseligkeit.

Sie können sich vorstellen, was in meinem Innersten vorging, als ich dieses Produkt im russischen Supermarkt “Gastronom” entdeckte, auf welchen ich wiederum gestoßen war, als ich Ludmillas Atelier besuchte.

Einmal in der Woche pilgere ich nun in den Gastronom und kaufe nichts anderes als zwei Arme eine Hand voll Quarkriegelchen. Die Verkäuferin beobachtet das mit Befremden, freut sich aber auch wie Bolle, nun eine deutsche Kundin zu haben. Der Laden wird sonst nur von russischen Kunden besucht, liegt mitten in einer rein russischen Hochhaussiedlung; es wird ausschließlich russisch gesprochen.

Als ich mich bei meinem letzten Sirok-Einkauf mit einem спасибо bedankte, gab es dann kein Halten mehr: Die Verkäuferin schlug die Hände vor ihren rotbemalten Mund, entließ mit glühenden Wangen einen Wortschwall und ging in Richtung Kühltheke, mit der Hand winkend, ich solle ihr folgen. Sie zeigte mir ihre Wareniki, mit Brombeeren und Frischkäse gefüllte Teigtaschen, und bedeutet mir wort- und gestenreich, sie würden mir auch schmecken, wo ich doch so auf Sirok stünde.

Demnächst gibt es also Wareniki. Ich werde an dieser Stelle berichten.

Mama Souvlaki

14. Februar 2012 § 44 Kommentare

Neben der Sporthalle hat ein neues Restaurant eröffnet.

Ein griechisches. Das Schild hat eine geschwungene Schrift, aber den Namen habe ich vergessen. Er ist auch egal. Denn bei uns Handballhühner heißt der Laden schon jetzt “Mama Souvlaki” – nach der Besitzerin.

Mama Souvlaki ist eine kleine, korpulente Frau in den Vierzigern mit langem, gelbblond gefärbtem Haar. Sie hüpft durch den Laden wie ein Flummi, ist bei den Gästen, hinter der Theke und wieder bei den Gästen. Sie lacht immerzu, ist eine dicke Sonne inmitten antiker Statuen und blau-weißer Servietten. Schon vor dem Essen gibt es den ersten Ouzo aufs Haus.

“Seid ihr das Sport-Team?” fragt Mama Souvlaki und setzt sich zu uns.
Wir bejahen.
“Spielt ihr dort in der Halle?” fragt sie und deutet in Richtung Theke.
Wir bejahen.
Sie gibt uns noch einen Ouzo aus. “Ist gesund für Sportler”, sagt sie.

Wir essen Fleisch- und Salatberge. Als wir bezahlen möchten, kommt sie zu uns, wieder mit einem Tablett Ouzo. Wir sind inzwischen schon ein bisschen betrunken. Sie erzählt von ihrem Onkel, der auch ein griechisches Restaurant hat. Dort hat sie bislang gearbeitet. Aber jetzt sei es an der Zeit, etwas Eigenes zu starten. Sie winkt einen kleinen, dünnen Mann herbei.

“Das ist Stavros, mein Mann”, stellt sie ihn vor. Papa Souvlaki nickt und lächelt in die Runde. “Stavros”, sagt sie zu ihrem Mann, “das ist die Handballmannschaft von der Sporthalle drüben.” Stavros nickt und lächelt.

Sie hebt ein Pinnchen mit Ouzo, sagt “Jamas!”, und wir trinken. Im Aufstehen sagt sie: “Wenn ihr gutes Essen nach dem Spiel braucht, kommt zu mir. Wenn ihr guten Ouzo braucht, kommt zu mir. Wenn ihr neue Trikots braucht, kommt zu mir. Dann essen wir und trinken wir und sprechen wir.”

Wir mögen Mama Souvlaki.

Wo bin ich?

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