Das Kännchenblog ist umgezogen

23. März 2014 Kommentare deaktiviert

Liebe Kaffeehausgäste,

das Kännchenblog ist umgezogen. Sie finden es ab sofort in seinen neuen Räumlichkeiten in Dortmund unter

http://fraunessy.vanessagiese.de.

Kommen Sie gerne direkt zu Fuß mit rüber oder nehmen Sie den neuen RSS-Feed.

Heldenplatz und Apfelstrudel

22. Januar 2014 § 36 Kommentare

Wien – an was denkt man, wenn man “Wien” hört?

An Sachertorte, ganz sicher. An Kaffeehäuser. Ans Walzertanzen. Vielleicht an Sissi. An die Türken, die vor den Toren standen. An den Wiener Schmäh. All das hatte ich im Kopf, als ich hinflog – aber nur wenig mehr, denn ich war bis anhin noch nie in Wien.

Der kleine Reiseführer, ein backenbärtiger, älterer Herr, der sich von Kaiser Franz Joseph nur dadurch unterschied, dass er eine Brille trug, über die er verschmitzt hinwegschaute, stand irgendwann weinend auf dem Heldenplatz. Wir hatten uns dort versammelt, damit er uns die Geschichte der Stadt erzählt. Von den Habsurgern erzählte er – und vom Dritten Reich: “Dort oben hat er gestanden, der Führer, und hat den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erklärt.” Er sagte tatsächlich “Führer”, nannte niemals seinen Namen. Schwarz vor Menschen sei er gewesen, der Heldenplatz. Dabei seien die Wiener keine Nazis gewesen. “Die waren bloß neugierig”, sagt er. “So ist der Wiener halt: neugierig.” Ich frage mich, ob das die jüdische Bevölkerung seinerzeit auch so empfand.

Später, im Jahr 1955, sei er Zeitzeuge gewesen; als die alliierten Besatzungsmächte abzogen, habe er dort vorne – er deutet auf eine Laterne – gestanden und habe Scherze gemacht, denn er habe nicht verstanden, was vor sich gehe. “‘Weißt du eigentlich’”, erzählte er von einem Mann, der hinter ihm gestanden und ihn angesprochen hatte, “weißt du, was gerade hier passiert? Wir werden heute frei.’ Und wissen Sie was?”, fährt er fort. “Ich konnte nichts mit dem Begriff ‘Freiheit’ anfangen.” Er sei doch frei gewesen, habe sich frei bewegen können, sei freundlich zu den Soldaten gewesen und habe im Gegenzug von ihnen Kaugummis bekommen. Auf dem Dach der Hofburg, erzählt er weiter,  hätten seinerzeit die Flaggen der Besatzungsmächte geweht; die österreichische habe neben ihnen gehangen – als eine von vielen. Aber als die alliierten Soldaten an jenem Tag im Jahr 1955 nach rechts den Heldenplatz verließen und von links das österreichische Bundesheer gekommen sei, als man die alliierten Flaggen eingeholt habe und danach nur eine einzige, die österreichische, aufgezogen habe, die dann stolz auf dem Gebäude wehte – seine Augen wurden rot und füllen sich mit Tränen -, da, ja, da habe er begriffen, was Freiheit sei.

Ich habe mir noch andere Orte in Wien als die Hofburg mit dem Heldenplatz angeschaut. Sämtliche touristisch wertvollen Gebäude habe ich abgeklappert, meine Zu-Fuß-Geh-App hat rund 35 Kilometer aufgezeichnet. Ich möchte Sie aber nicht mit den üblichen Attraktionen belästigen. Stellvertretend hier ein Bild vom Schloss Belvedere. Da taten mir schon die Füße weh und ich brauchte dringend eine Melange.

Blick auf das untere Belvedere

Blick auf das untere Belvedere

Neben den vielen Sehenswürdigkeiten, die sich manchmal ankündigen, manchmal unverhofft hinter der nächsten Ecke überraschen, immer aber sehr beeindruckend sind – ein Glück, dass Wien kaum bombardiert wurde -, sind es viele kleine Dinge, die mich erfreuten. Stellvertretend:

Wäscheflott neben dem Theaterkartenbüro

“Wäscheflott” in der Nähe der Nationalbibliothek

Praktisch erschienen die Weihnachtsbaumsammelstellen (“Kein Lametta wäre netter.”), die auch vor hohem Kulturgut keine Scheu zeigen. Hier in Dortmund muss man den Baum an einem bestimmten Datum rausstellen – nicht früher, nicht später – und wer den Baum noch behalten oder ihn früher abgeben möchte, hat Pech gehabt.

Weihnachtsbaumablagestelle vor der Spanischen Hofreitschule

Tannensammelstelle

Kommen wir zu kulinarischen Aspekten der Reise. Ich möchte die Wiener Sehenswürdigkeiten nicht schmälern, aber wenn Sie, sagen wir, nur drei Stunden Zeit haben, um Wien zu entdecken: Schenken Sie sich die Hofreitschule – essen Sie! Die Kalorien, die ich beim Sightseeing verlaufen habe, habe ich nicht in Wien zurückgelassen – ich habe sie allesamt wieder mitgebracht (und wahrscheinlich noch mehr).

Café Drechsler am Naschmarkt

Café Drechsler am Naschmarkt

Sollte es bei mir beruflich einmal nicht mehr gut laufen, habe ich am vergangenen Wochenende eine neue Perspektive für mich entdeckt: als Apfelstrudel-Testerin. Test-Kriterien: “Vanillesoße”, “Teig”, “Apfelwürze” und “begleitender Kaffee”. Ich habe in vier Tagen vier Apfelstrudel gegessen – und wäre auch zu mehr bereit gewesen, wenn ich nicht auch noch Wiener Schnitzel hätte essen wollen (und müssen, denn hey! Wien!). Vorläufiger Strudelfavorit ist:

Café Landtmann

Café Landtmann

Im Café Landtmann habe ich den besten Apfelstrudel meines Lebens gegessen, ein orgiastisches Fest, ein fast erotisches Erlebnis, eine musische Komposition – Sie werden alle Apfelstrudel vergessen, die Sie vorher jemals verzehrt haben, es wird eine Strudelamnesie einsetzen, sie werden nur noch an diesen einen Strudel denken können, und selbst, wenn Sie wieder zu Hause sind und wenn sie nur über diesen Strudel schreiben, wird es Sie wieder packen und Ihre Gedanken werden besessen sein.

Um wieder runterzukommen, folgt ein Bild von einem zusammengerollten Farnblatt:

Farnzeugs im Palmenhaus, Schloss Schönbrunn

Farnzeugs im Palmenhaus, Schloss Schönbrunn

So. Und morgen gibt’s erstmal ‘ne Waffel. Übersprungshandlung.

Im Schlosspark Schönbrunn

Im Schlosspark Schönbrunn. Mit Wiener Mütze. Weil’s so kalt war.

Einmal in der Wiener Hofburg tanzen

21. Januar 2014 § 28 Kommentare

Es gibt Gelegenheiten im Leben, die man gerne verstreichen lässt. Und solche, die man ohne nachzudenken ergreift. So begibt es sich, dass ich am Wochenende in Wien Walzer tanzen durfte.

Wiener Hofburg bei Nacht

Die Wiener Hofburg, hübsch beleuchtet.

Es ist neun Uhr am Abend, als ich an der Hofburg ankomme.

Die Gäste im Foyer sind schon zahlreich und zudem prächtig anzuschauen: schmale Kleider, breite Kleider, raffinierte Kleider, tumpe Kleider, Kleider mit Reifrock und vereinzelte Trachten, Smokings, Uniformen und erst die Frisuren! Das alles unter Kronleuchtern und zwischen Marmorsäulen, neben Blumenbouquets und Damasttapeten. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingucken soll.

Der Einlass

Das Publikum (illuster) defiliert in den Festsaal.

Ich tue es den anderen nach, hebe mein Kleid an und gehe die große Feststiege hinauf, dorthin, wo sich die Tanzsäle befinden. Es gibt an diesem Abend viele davon, 40 Stück.

Ich suche mir ein Plätzchen am Rand den großen Zeremoniensaals.

Die Eröffnung im Festsaal

Die Jungdamen und Jungherren betreten das Parkett. Das Orchester spielt. Links neben mir fällt eine Dame in Ohnmacht.

Das Fest beginnt. Erst marschieren die Jungdamen- und Jungherrenkomitees herein – die Männer in Uniform, die Damen in Weiß. Sie nehmen Aufstellung; es ist ihr großer Tag, man sieht ihnen an, wie zittrig sie sind, wie nervös sie lächeln. Es folgen Amts- und Würdenträger, das Musikkorps spielt. Es geht Schlag auf Schlag, neben mir fällt eine kleine Dame in Ohnmacht, Opernmenschen singen und Profitänzer tanzen. Auch auf dem Parkett sinkt eine der Weißen hernieder. Ein Minister spricht zur Menge, Fotografen machen Bilder, die Jungdamen und -herren eröffnen – in leichter Unterzahl – schließlich den Tanz. Als ich wieder auf die Uhr sehe, sind eineinhalb Stunden vergangen.

Ich bestelle ein Wasser. Es muss ein ganz besonderes Wasser sein, denn die Flasche kostet zwölf Euro. Ich trinke sie sehr langsam. Erst jetzt fallen mir die Jutetaschen auf, die hier und da an der Wand lehnen, Kleidung zuoberst. Wenn der Kellner nicht schaut, langen die Besitzer flink hinein: Eine behende Bewegung, und ihr Glas ist wieder voll. Hier zahlen nur die Laien – und die, die es sich leisten können oder wollen.

Schon kurz darauf wird der Walzer unterbrochen: Es ist zwölf, Andy Lee Lang startet seine Rock’n’Roll Piano Show, eine Big Band spielt auf, der Festsaal swingt. Ich flaniere durch die übrigen Räumlichkeiten. “Marmorsaal”,  “Redoutensaal”, “Radetzky-” und “Maria-Theresia-Appartments”, “Antekammer”, “Trabantenstube” – so heißen die Säle, in denen gespeist, getrunken und getanzt wird. Einer folgt dem nächsten, zwischendrin Stiegen und Galerien, irgendwo tanzt eine Profi-Formation; der Spaziergang dauert eine ganze Weile. Es ist alles sehr beeindruckend.

Das Damen-Schrammelorchester bittet zum Tanz.

Das Damen-Schrammelorchester bittet in einem Nebensaal zum Tanz.

Es ist gegen halb zwei, als ich mich an die große Feststiege stelle und schaue, wer hinauf kommt und hinunter geht: alte Männer mit alten Damen, junge Männer mit jungen Damen und alte Männer ebenfalls mit jungen Damen.

Kretschi gesellt sich zu mir und fragt mich, warum hier wohl so viele Väter mit ihren Töchtern sind.
“Kretschi”, sage ich, “das sind nicht deren Töchter.”
“Meinste?”
“Was glaubst du denn, warum die ihren Töchtern sonst so auf die Brüste starren?”
“Vielleicht haben sie sie lange nicht gesehen und wundern sich, wie groß sie geworden sind.”

Am nächsten Tag werden wir bei einem Wiener Schnitzel feststellen, dass uns allen dieselben Leute aufgefallen sind: die dünne Dunkelhäutige zum Beispiel mit Armen wie Streichhölzern, aber Dingern wie Melonen; die blasse Braunhaarige in dem weißen, berüschten Reifrock und der Sissi-Frisur; der Brite mit der slawischen Schönheit, auf deren Kleid von Nippel zu Nippel eine goldene Kette gespannt ist; das russische Pärchen, das hackedicht im Polkaschritt durch die walzernde Menge galoppiert.

Die Big Band ist fertig, im Zeremoniensaal bittet der Tanzmeister nun zum Contredanse: höfischer Tanz, paarweise. Es wird die Schrittfolge geübt, geknickst und huldvoll genickt. Die Russen tanzen weiter Polka.

Contredanse im Festsaal

Contredanse im Zeremoniensaal.

Gegen drei Uhr ist die Luft ein wenig raus. Noch eine Stunde, bis der Trompeter zum Zapfenstreich bläst. Ich schaue an der Tombola, ob ich etwas gewonnen habe: Es werden ein Schreibtischstuhl verlost, außerdem Rucksäcke und ein Flachbildfernseher. Die  Gäste beginnen, die Blumen zu zerlegen; das hat hier Tradition und ist keine schlechte Erziehung, auch wenn es vor den Orchideen vereinzelt zu Gerangel kommt.

Die Dame rechts zerrupft das Bouquet.

Halb vier in der Nacht. Eine Dame rechts zerrupft das Bouquet.

Um vier Uhr ist Schluss. Die Festgesellschaft zerstreut sich. Die Blumen verlassen in den Händen müder Damen das Haus. Männer rufen Taxen. Wem die Füße besonders weh tun, der verlässt das Haus auf Socken.

Im Bett angekommen, schlafe ich, glücklich und berauscht von der Ballnacht, im Dreivierteltakt ein.

Sonntagsspaziergang

12. Januar 2014 § 18 Kommentare

Sonnenschein am See:

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Nachmittagsspaziergang

25. Dezember 2013 § 3 Kommentare

Phoenixsee Dortmund, 1. Weihnachtstag.
Südufer Phoenixsee Dortmund

Hafen Phoenixsee Dortmund

Phoenixsee Dortmund

Kreuzfahrt

21. November 2013 § 15 Kommentare

Er sitzt schon in der Bahn, als ich einsteige.

Er ist ein bisschen untersetzt, mit grauem Haar, einem Lächeln auf den Lippen und verschmitzten Augen. Ich setze mich neben ihn. Meinen Koffer schiebe ich vor meine Füße.

“Wo geht’s hin?”, fragt er und deutet auf den Koffer.
“Nur nach Hause”, antworte ich, denn ich bin nicht auf Reise. Ich habe den Koffer nur grad gekauft.
Er sei gerade erst wiedergekommen, sagt er. In der Karibik sei er gewesen, auf Kreuzfahrt.
“Das war bestimmt toll”, antworte ich.
Ja, meint er. Die Reise an sich sei prima gewesen. Aber ach. Er habe keinen gehaben, der hätte mitfahren können, und wenn man seine Erlebnisse nicht teilen könne, das sei doch nichts, nein, das ist nicht schön.
“Gab es denn niemanden, der sie begleiten wollte?”
“Weißt du”, antwortet er. “Meine Frau ist schon seit Jahren tot. Kinder haben wir nicht.” Und eine neue Partnerin habe er auch nicht, dabei wünsche er sich sehnlichst eine, aber nun ja, das sei halt schwierig, er sei ja auch kein ganz einfacher Mensch.
“Ach was”, sage ich. “Sie sind doch kontaktfreudig.”

Er erzählt, dass er vor seiner Kreuzfahrt eine Anzeige aufgegeben habe: “Älterer Herr sucht Reisebegleitung.” Er sagt, er hätte seiner Begleitung die Reise sogar bezahlt, nur damit er nicht alleine unterwegs sein müsse. “Aber es haben sich nur zwei Frauen gemeldet.”
“Immerhin”, sage ich.
Die eine, erzählt er, habe direkt ihr Zeugnis als diplomierte Pflegekraft mitgeschickt. Und die andere – ja, die habe geschrieben, sie begleite ihn gerne gegen ein Honorar von 5.000 Euro. Für 5.000 Euro stünde sie dann auch “für alle Dienstleistungen” zur Verfügung.
“Das war doch ‘ne Nutte!”, empört er sich.
Ich muss lachen. “Sie haben also keine der beiden Damen mitgenommen”, stelle ich fest.
“‘Ne Altenpflegerin und ‘ne Nutte? Nä!”

Aber er habe beide Bewerbungen aufbewahrt. Für später mal. Man könne schließlich nie wissen, welche Notwendigkeiten sich im Leben noch ergäben.

Badetag

24. Oktober 2013 § 31 Kommentare

Inmitten meiner Renoviererei habe ich etwas Verrücktes gemacht: Pause.

Dazu bin ich nach Bad Sassendorf gefahren. Bad Sassendorf liegt zwischen Werl und Erwitte-Anröchte. In Bad Sassendorf gibt es, das lässt die Verortung bereits vermuten, viel Gegend. Außerdem gibt es viele Rentner. Bad Sassendorf ist nämlich die älteste Gemeinde NRWs: Jeder dritte Einwohner ist über 65, jeder zehnte sogar über 80 (kuksdu).

Bad Sassendorf ist ein Kurort und somit prädestiniert für Erholungssuchende. Also für mich. Der Ort besitzt außerdem eine Therme mit Sauna und Solebad: genau das Richtige nach all dem Schleifen, Streichen und Bohren. Ich packe mich ins Auto, brumme über die A44 und fahre ins Rentnerparadies.

Es ist wirklich sehr ruhig im Thermalsolebad. Unfassbar ruhig. Nirgendwo Kinder. Wirklich: gar keine. Auch keine Jugendlichen. Überhaupt niemand, der jünger als 60 ist. Auch nicht im Schwimmbad, das neben der Saunalandschaft liegt, das zwar keine Rutsche und keine künstlichen Wellen hat, das aber immerhin ein Schwimmbad ist. Stattdessen Rentner, die luftballonesk durchs Wasser treiben. Fast ohne Schwimmbewegungen gleiten ihre silbernen Köpfe im Salzwasser dahin. Im Hintergrund plätschert ein Wasserpilz.

Ich liege eine Weile im Wasser herum. Dann wird es mir zu langweilig, und ich gehe in die Saunalandschaft. Sie bietet ein Dampfbad, eine Kristallsauna, eine finnische Sauna und einen Plan mit stündlichen Aufgüssen. Also alles, was man braucht und noch mehr. Auch hier bin ich die Einzige, die die Wechseljahre noch vor sich hat, vielleicht sogar die Einzige mit eigenen Zähnen.

Trotz der Auswahl an Saunen halten sich die Alten an diesem Tag fast nur im Caldarium auf. Das Caldarium hat um die 60 Grad; das ist nicht sehr heiß, das ist angenehm, ein bisschen wie im Sommer in einer Studenten-Dachwohnung. Auf den Fliesen vor der Glastür stapeln sich die Badelatschen, im Brillenständer neben der Tür lagert Sehhilfe neben Sehhilfe. Wie hingegossen liegen die Leute auf dem Holz. Sie liegen auf dem Rücken und auf der Seite; manche, Männer wie Frauen, schnarchen dort halbe Stunden, die einen rasselnd, die anderen röchelnd, wieder andere nur leise schnaufend. Über ihnen wechselt warmes Licht klackend zwischen den Farben: mal Rot, mal Grün, mal Gelb.  Ein Snoozelraum für Senioren.

Sind die Alten nicht im Caldarium, liegen sie nackig und in Gruppen auf einer der Liegen am Thermalbecken, ziehen die Beine an, lassen sie zur Seite kippen, richten sie wieder auf, lassen sie zur anderen Seite kippen. Hüftgymnastik, Rückenschule – so muss das, so rostet man nicht ein, gemeinsam turnt es sich am schönsten. Wer derweil im Wasser treibt, sich abkühlt und vom Fußende aus auf die Liegendturner sieht, blickt auf lange, faltige Hodensäcke, die durch die angewinkelten Beinen hindurchfallen und auf den Pobacken zu liegen kommen. Ja, das ist das Leben, so wird es uns eines Tages allen gehen: Dem einen hängt der Sack, bei der anderen sind’s die Brüste. Ewig jung bleibt nur, wer früh stirbt.

Ich wickel mich in meinen Bademantel und gehe in den Ruheraum. Im Ruheraum, einem gedämmten, gedimmten und abgeschlossenen Bereich mit Schlummerliegen und Kuscheldecken, falle ich in einen komatösen, traumlosen, alle Zeit vergessenden Zustand. Zwei Stunden lang bin ich fort. Dann weckt mich das Ticken der Wanduhr.

Ich gehe noch einmal in die Sauna. Während ich daliege, kommt ein junges Pärchen hinein, immerhin eins. Es legt seine Handtücher aus, unterhält sich kurz flüsternd, setzt sich dann und schwitzt zurückhaltend.

Ich dusche ein letztes Mal. Dann fahre ich heim, zurück in die Großstadt, zurück in Welt. Ich fühle mich sehr erholt.

Der Fritz, der Kurt, der Josef und der besoffene Werner

5. August 2013 § 16 Kommentare

Ich sitze mit dem Rücken zum Möbelhaus vor einem Bäcker.

Der Bäcker hat einen guten Standort gewählt. Menschen, die Möbelmärkte besichtigen, verbringen dort Stunde um Stunde. Danach sind sie hungrig. Oder durstig. Wie ich.

Neben mir sitzen zwei ältere Damen, die Blusen gestärkt, die Röcke glattgestrichen, die Haare blond-violett gefärbt und zu einem Haarspray-Nest auftoupiert. Sie genehmigen sich jede einen Filterkaffee. Es schaut so aus, als seien sie öfter hier, als seien sie Möbelhaus-Ausflügler. So wie man zum Frühstücken zu IKEA fährt, nur mal so, weils so gesellig ist.

Es stellt sich heraus, dass sie beide frisch Single sind: Die eine ist Witwe, die andere hat den Ihrigen jüngst rausgeschmissen.

“Wie lange willze denn warten nach dem Fritz seinem Tod? Ich mein, bis dein Neuer bei dir einzieht. Wie heißter noch?”
“Josef. ‘N Jahr is anständig, meinze nich?”
“Halbet reicht auch. Er war doch nur noch am Siechen, dein Fritz. Da versteht jeder, datte schon vorher mal die Augen geöffnet und den Josef erblickt has. Is ja auch praktischer dat Leben, mit Mann. Musse dir abba einiget abgewöhnen, wennde demnächst nich mehr alleine wohnz.”
“Ach, ich bin doch ‘ne ganz Pflegeleichte. Und der Josef is auch ‘n Normalen.”
“Dat hab ich vom Kurt auch gedacht. Hätt mir im Leben nich ausgemalt, dat der so’n Peniblen is. Der hat sogar den Rasen ausgesaugt, bevor er’n gemäht hat.”
“Is nich wahr!”
“Wenn ich et dir sach! Und danach war er dann zu schwach. Er hat doch die Gicht. Dat Mähen musste dann der besoffene Werner machen.”
“Der von gegenüber?”
“Der mich immer imponieren will.”
“Immer noch?”
“Hört nich auf.”
“Wenn der nich so besoffen wäre …”
“Der Kurt, der musste immer allet sauber haben. Dabei lech ich mich doch nachm Mittach immer ganz gerne hin. Abspülen, hab ich zum Kurt immer gesacht, könnwa auch später noch.”
“Ich muss ja mittags nich liegen.”
“Nich? Dabei is dat dat Schönste vom Rentnersein!”

Das große Los

26. Juli 2013 § 37 Kommentare

Als ich von Meike Winnemuths Buch “Das große Los” erfuhr, habe ich mich sehr gefreut.

Meike Winnemuth: Das große Los

“Das große Los”, Thorsten, Pfefferminze, Tagetes und ich auf meinem Balkon.

Meike Winnemuth hat bei “Wer wird Millionär?” eine halbe Million Euro gewonnen und hat daraufhin eine Weltreise unternommen: Sie hat das Jahr 2011 in zwölf verschiedenen Städten verbracht – pro Monat eine Stadt.

Mit großem Vergnügen habe ich, während sie unterwegs war, ihr Blog “Vor mir die Welt” verfolgt. Ich habe hier im Ruhrgebiet gesessen, habe leise “Juchhuu!” gerufen, wenn ein neuer Beitrag kam, und habe ihre Weltreise gemeinsam mit ihr erlebt. Es war toll! Manchmal war ich sogar ein bisschen neidisch, aber dann dachte ich sofort: Wieso eigentlich? Wenn ich es wollte, könnte ich es auch machen. Irgendwie würde das schon gehen.

An ihr Buch “Das große Los” hatte ich entsprechend hohe Erwartungen – und war, das musste so kommen, ein bisschen enttäuscht. In zwölf Briefen an Freunde, jeder von einer der bereisten Städte aus verfasst, erzählt Meike Winnemuth von ihren Erlebnissen. Damit sind wir direkt beim ersten Kritikpunkt: Die Briefform verstehe ich nicht. Was ist ihre Funktion? Das hat sich mir nicht entschlossen. Es wirkt künstlich.

Meike Winnemuth schreibt außerdem viel von ihren Empfindungen und ihrem Seelenleben während der Reise. Ihre Schilderungen drehen sich um die Möglichkeiten, die sich ihr bieten, darum, sich immer wieder neu und vorbehaltlos auf etwas einzulassen, um Dankbarkeit für die Reise. Das ist alles verständlich und wäre in geringerer Dosierung auch okay. Leider ist es an vielen Stellen redundant, weshalb es mich genervt hat. Überdies erinnerte mich diese “Reise zu sich selbst”-Attitüde an meine Jugendferien mit der Kirche, während derer ich – bei bestem Strandwetter – in Stuhlkreisen auf Terrassen sitzen, über Gefühle und Glaube reden musste und die Gefühle anderer, fremder Menschen aufgezwungen bekam. Besonders beim Brief der heutigen Meike Winnemuth an die “junge Meike” empfand ich Fremdscham. Ich hätte mir manche Empfindungen als Leser gerne selbst erschlossen, anstatt sie aufgedrängt zu bekommen.

Das Ganze liegt in erster Linie an mir und soll Sie nicht abhalten, das Buch zu lesen. Es gibt sicherliche viele Menschen, denen genau dieses Gefühlige gut gefällt.

Die Reiseberichte als solche sind ganz propper. Vor allem die zwei Bildergeschichten sind toll. Ich hätte allerdings gerne mehr Geschichten und Anekdoten und – wie gesagt – weniger Gefühlskram gelesen. Denn bisweilen blieben die Städte zu abstrakt. Aber nun gut: Ich kannte das Blog und hatte deshalb auf noch mehr Erlebnisse gehofft.

Meike Winnemuth: Das große Los - Bilderseite

Die Seiten mit den bunten Bildern waren die besten.

Während der Lektüre habe ich mich gefragt: Welche Städte würde ich bereisen? Fest steht: Ich nähme Russland mit rein – außerdem ein bisschen mehr Afrika. Ich würde extremere Ziele wählen – und weniger Europa. Meine spontane Auswahl:

  1. Hammerfest (Norwegen): die nördlichste Stadt Europas. Ich war schon einmal dort. Das Städtchen ist verschlafen, aber freundlich. Ich möchte einmal erleben, wie es ist, länger dort zu sein.
  2. Murmansk (Russland): der Gegenpol zu Hammerfest. Auch kalt, aber auf Russisch. Eine der Städte möchte ich während des dunklen Polarwinters bereisen, um einmal zu erleben, wie das ist. Die andere Stadt während der hellen Sommermonate.
  3. Isfahan oder Teheran (Iran): Ein islamisch geprägtes Land muss dabei sein. Der Iran hat eine lange Geschichte, das darf auf einer Weltreise nicht fehlen. Vielleicht findet sich jemand, der mich ein bisschen an die Hand nimmt.
  4. Timphu (Buthan): In Buthan leben die glücklichsten Menschen der Erde, sagt man. Ich möchte ergründen, ob es tatsächlich so ist. Außerdem: Buthan! Wer kennt schon Buthan? Das muss sich ändern.
  5. Dakar (Senegal): Afrika. Warum Senegal? Keine Ahnung. Kam mir in den Sinn. Ich möchte einmal West- und einmal Ostafrika bereisen.
  6. Addis Abbeba (Äthiopien): Dieser Teil von Meike Winnemuths Reise hat mich schon im Blog fasziniert. Äthiopien muss ein tolles Land sein. Nichts wie hin!
  7. Nha Trang (Vietnam): Es könnte auch Kambodscha oder Laos sein. Ich möchte allerdings nicht immer nur in großen Städten reisen. Deshalb Nha Trang. Oder halt irgendeine andere, kleinere Stadt.
  8. Dodge City (Kansas/USA): Die großen Städte der USA kennt man – zumindest aus dem Fernsehen oder aus Erzählungen von Freunden, die schon einmal eine der typischen USA-Reisen gemacht haben. Wie aber ist es, wenn man im Mittleren Westen wohnt? Ich möchte es gerne erfahren.
  9. La Paz (Bolivien): Südamerika muss natürlich auch bei einer Weltreise dabei sein. La Paz liegt auf 3200 bis 4100 Metern Höhe. Schon allein deshalb möchte ich hin.
  10. Montevideo (Uruguay): Eine der sichersten Städte Südamerikas – und direkt am Meer. Muss schön dort sein. Außerdem: Uruguay – ein Land, über das ich noch nie groß nachgedacht habe.
  11. Osch (Kirgisistan): Der russisch geprägte Teil Asiens ist riesig. Eine Station ist deshalb dringend erforderlich. Die Landschaft drumherum muss gigantisch sein. Alternative zu Osch: Ulan Bator (Mongolei).
  12. Und als Letztes? Vielleicht etwas, das ein bisschen näher liegt und weniger exotisch ist. Granada (Spanien) zum Beispiel. Die Geschichte dieser Gegend finde ich unheimlich interessant.

Warum nicht China? Dort war ich schon einmal drei Wochen. Muss nicht noch einmal sein.

Vielleicht würde ich dort, wo es mir gefällt, auch einfach länger bleiben als einen Monat und dann eine Stadt streichen. Ich möchte nicht alles durchplanen.

Mit dem Zug fahren

24. Juni 2013 § 13 Kommentare

Zwölf Stunden Zugfahren ist so ziemlich das Unaufregendste, was man sich vorstellen kann. Das Ganze ist ein elendes Herumsitzen, eine Aneinanderreihung von Lektüre, Arztserien und spontanen, mit unschön geöffnetem Mund durchgeführten Nickerchen, die stets mit einem beschämenden, schnappatmenden Schnarcher enden.

Nur das Umsteigen bringt Spannung in die Fahrt – besonders wenn der Zug, den man erreichen möchte, aus Hochwassergebieten anreist. Oder auch nicht. Denn niemand weiß: Kommt er nun, oder kommt er nicht? Auch das Bahnpersonal zuckt mit den Schultern. Da steht man dann am Bahnsteig von Mannheim, verschwitzt und klebrig, mit einem Rucksack auf den Schultern und fragt sich, ob man zuvor jemals in Mannheim gewesen ist und warum man dort hinwollen sollte.

Das Umsteigen macht die Zugfahrt nicht besser, der Vorteil ist nur: Man kann den seltsamen Menschen entfliehen, die sich neben einem niedergelassen haben.

Da ist zum Beispiel diese alterslose Dame mit dem Baby-Houseman-Gedächtnis-Haarschnitt und dem pinken Spängchen, die die Strecke von Duisburg bis Mannheim damit zubringt, jeden Buchstaben der Freizeit Revue zu inhalieren. Vielleicht reist sie zu einem Freizeit-Revue-Rezitationswettbwerb, auf dem sie die aktuelle Ausgabe auswendig hersagen muss. Beim Lesen knibbelt sie sich fortwährend Nagelhaut ab, ein kleiner Berg hat sich schon am Fuß der Revue auf dem kleinen Klapptischchen angehäuft. Als ich aussteige, wischt sie ihn mit beiläufiger Nonchalance in meinen Fußraum.

Im Vierersitz schräg daneben Teenager: vier Mädchen in Sweatshirts, die sich Ohrhörer teilen und Kirschkaugummis herumreichen, auf denen sie  malmend kauen, die sie aufpusten und knallen lassen. Aus ihren Shorts schauen makellose, sonnengebräunte Beine. Man fragt sich, woher diese Beine nach nur vier sonnigen Tagen schon so braun sein können und staunt, wie dellenlos sie sind. Ob man selbst auch mal solche Beine gehabt hat? Es muss so gewesen sein, aber man kann sich nicht erinnern. Wirklich fantastisch. Nur, wie die Mädchen sich lachend nach vorne beugen und sich dann mit Schwung zurück in den Sitz fallen lassen, so voller Übermut, dass dem Hintermann das Laptop auf dem Tischchen bebt und die Cola aus der Dose schwappt – das ist gar nicht fantastisch. Sie reisen weiter nach sonstwo.

Dann der Mann mit den Socken. Ein bodenständiger Herr in sportiver 7/8-Outdoor-Hose, die man zum Wandern anziehen kann, aber nicht muss – es geht auch einfach nur so, zum Beispiel für eine lange Zugfahrt, wegen der Gemütlichkeit; dann drückt und ziept nichts, nicht am Bauch und nicht in den Kniekehlen. Die ebenfalls schlammfarbene, halb geschlossene Herrensandale rundet das Ensemble ab und gibt dem Träger eine nüchterne Tatkraft, wie sie Menschen zueigen ist, die Samstagsmorgens ihren Jägerzaun streichen. Wegen der Gemütlichkeit stellt der Herr zwischen Siegburg und Frankfurt seinen Sitz zurück, streift die Sandale ab und legt einen grauen, grob gerippten Kurzstrumpf frei, der einen abartigen Gestank von sich gibt. Er bleibt mit Baby Houseman im Zug.

In Mannheim fährt wider Erwarten der ICE 599 doch noch ein. Mit 40 Minuten Verspätung, aber immerhin: Wenn man mit nichts gerechnet hat, ist auch das ein Geschenk. Im Nebensitz nun ein Jüngling, der wie Beetlebum ausschaut, es aber nicht ist. Trotzdem: irgendwie schön.

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