Olympia

29. Juli 2012 § 66 Kommentare

Olympia ist eine tolle Sache.
Für drei Wochen ist immer etwas im Fernsehen.

Skeet zum Beispiel. Bei Skeet fliegt etwas durch die Luft, und jemand muss es abschießen. Es gibt auch Regeln dafür, aber die sind für das Olympia-Gefühl nicht wichtig.

Ich sitze also auf meinem Sofa. Um mich herum liegt und steht alles, was ich brauche: ein Glas zu trinken, ein Buch, eine Zeitung, ein paar Nüsschen. Draußen bläst der Wind und schüttelt Thorsten Zwo, der in der vergangenen Woche stattlich gewachsen ist. Im Fernsehen schwimmen sie gerade. Die Herren machen eine gute Figur am Beckenrand. Im Wasser nicht so, 1:47:26 für 200 Meter, das ist in der olympischen Welt langsam. Ich bin trotzdem beeindruckt, weil die Stimmung so feierlich ist. Für 400 Meter hat ein Amerikaner gestern vier Minuten gebraucht. Ich brauche für einen Kilometer mehr als 20 Minuten, bin also nicht einmal halb so schnell. Ich sinke vor Ehrfurcht leicht ins Kissen, spüre, wie meine Waden verhärten. Franziska van Almsick kommt ins Bild. Zum Glück nur kurz.

Dann Fechten. “En garde”, ruft der Mann an der Planche. Sie gehen aufeinander los. Fechten ist eine prima Sportart zum Zuschauen. Wenn einer getroffen wird, leuchtet er. Das macht es einfach, einfacher als beim Badminton oder Volleyball, wo ich mich pausenlos frage, ob die Leute auf dem Feld nun einen Punkt kriegen oder nicht, wie viele Sätze schon gespielt sind, wer grad dran und wo überhaupt der Ball ist – ach da, na sowas, aber erst 5:6, wie kann das sein, das geht doch hier schon seit gefühlt 50 Minuten hin und her.

Fechten also. Ich fühle mich wie ein Burgfräulein. Der Moderator erläutert den Unterschied zwischen Degen und Florett. Es geht um Treffervorrecht und Trefferfläche. Ich überlege mir, dass ich jetzt mal bügeln könnte, dann bin ich nicht ganz so passiv. Doch ein bisschen möchte ich noch den Kampf verfolgen. Nicolas verteidigt mich gerade gegen einen Russen, der Nikolaj heißt. Die Namensgleichheit ist verwirrend und auch etwas ermüdend.

Huch, Radfahren! Wie kann das sein? Wir waren doch grad noch auf der Planche. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Viele Frauen fahren Fahrrad durch den Londoner Regen. Sie haben ganz dicke Oberschenkel. Bestimmt treten sie grad 300 Watt. Ich gehe in die Küche und hole mir ein Smartie-Eis. Gleich werde ich bügeln. Nur noch das Eis essen, dann ist es soweit.

Drei Frauen haben sich vom Hauptfeld abgesetzt. Sie fahren sehr schnell, es regnet sehr doll. Nur noch sechs Kilometer bis zum Ziel, sagt der Moderator. Das Eis schmeckt gut. Ich gucke im Internet, was heute noch auf dem Programm steht. Bogenschießen, Gewichtheben, Segeln. Und heute abend die Schwimm-Finals. Darauf freue ich mich schon.

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§ 66 Antworten auf Olympia

  • Bine sagt:

    *kicher* ich bin auch beim Fechten eingeschlafen … ;)

  • Hartmut Schlehdorn sagt:

    Kinder wissen dieses Geschenk Rogges leider (noch) nicht zu schätzen, deshalb bin gestern um 19:30 Uhr unter Missachtung aller Tempolimits zum Media Markt gefahren und habe entgegen aller guten Erziehungsvorsätze einen zweiten Fernseher gekauft. Jetzt ist Ruhe im Karton und ich kann mit meiner Frau diskutieren, warum die männlichen Beachvolleyballer ein Hemd tragen dürfen, die Frauen aber eher knapp bekleidet sind. Schöne Grüße von der Couch.

  • Das ist mir gestern alles entgangen, da ich die Halbfinalspiele des PDC-Darts World Matchplay verfolgt hab’. Schade, dass Darts keine olympische Disziplin ist, anscheinend hat der Verband PDC weltweit zu wenig Mitglieder, so hatte es der Sprecher erklärt. Blöd nur, dass Sport1 genau an der Stelle, als das zweite Spiel so richtig spannend wurde, auf einmal zu irgendeinem dämlichen, die Umwelt verpestenden Autorennen umschaltete…

  • Iche sagt:

    Bogen schießen war schon? Verdammt! Muss ich glatt die Ergebnisse googlen. Gucken, ob meine Trainerin + ihre Sippe gut abgeschnitten haben

    • Nessy sagt:

      Sie machen Bogenschießen? Das ist … äh … spannend.

    • man *sehnt* sich ja nach allerhand…

    • Iche sagt:

      Es ist vor allem extrem entspannend auf Plüschtiere zu schießen…

    • Nessy sagt:

      Sie spießen Teddybären mit einem Pfeil an die Wand?
      //*schreckgeweitete Augen

    • Iche sagt:

      So ähnlich. Leute verstecken unter anderem Teddybären im Wald und meine Aufgabe ist es, sie zu finden und zu erlegen. Dafür gibt es Punkte. Das ganze nennt man 3D-Parcours schießen. Können Sie gerne googlen und werden feststellen, dass diese Plüschtiere wenig mit Ihren Plüschtieren gemein haben.

    • Nessy sagt:

      Sowas also. Das hat etwas von Jagd. Sagen Sie das doch gleich. Das ist ja viel spannender als nur dastehen und auf eine Scheibe zielen.

    • Iche sagt:

      Genau. Sowas. Wenn Sie mal Zeit haben, kann ich Sie gerne mit in den Schwarzwald nehmen. Dort gibt es einen schönen Parcours.

  • Christiane sagt:

    Ich bin sooo dankbar dafür, dass Olympia in Europa stattfindet. Das passt viel besser zu meinem Tagesablauf als Peking!
    Aber Schwimmen ist auch nur halbspektakulär, wenn man nur noch raten kann, wer welche Hilfsmittel nutzt. ;-)
    Und Franzi gehört(e) ins Wasser, nicht ans Mikro, oder?!

  • Micha sagt:

    Also mit dir würde ich sogar Olympia angucken. Und Smartie-Eis essen.

    Aber nur, wenn du mir vorher das Indianerehrenwort geben würdest, dauernd dazwischen zu reden, nessymäßig

    Bügeln tue ich allerdings nie – für was lebt man auf dem Land.

    • energist sagt:

      Auf dem Land bügeln sich meine Hemden selbst?

    • Nessy sagt:

      Vielleicht meint sie, dass man auf dem Land verknüttert rumlaufen darf.

    • Lobo sagt:

      Wascheständer im Garten. Wenn man die Sachen frisch aufhängt, braucht man auch nicht bügeln.

    • Nessy sagt:

      Bei mir funktioniert das nicht.

    • Lobo sagt:

      Bei meinen Jeans und Tshirts klappt das, was anderes habe ich eh nie an. Meine Mutter meinte mir zum Geburtstag Hemden zu schenken (Mit einem “Mutti-bügelt-die” Gutschein, trage ich aber trotzdem nicht. :-)
      Ist nicht mein Style … ;-)

  • @Nessy: So ab und zu schau ich mir auch Snooker an. ;-)

    • jpr sagt:

      Und Uebertragungen von Pokerturnieren?

    • Nessy sagt:

      Auch das steht zu befürchten. Aber irgendwer muss es ja sehen. Nun wissen wir auch, wer.

    • Wolfram sagt:

      Ich habe neulich sehr gespannt die Pétanque-Weltmeisterschaften in Marseille verfolgt; ansonsten schalte ich immer weg, wenn Sport im Fernsehen ist. Außer, es wären Pferde im Bild, dann will das Tochterkind die Iiiii-Aaaaaah sehen. Und ich geh Kaffee mahlen.

  • @jpr: Nein, die gucke ich nicht.

  • petra sagt:

    ich möchte nicht neben der skeet-gewinnerin Kimberly Rhode wohnen.
    sie wirkt als ob sie nicht lang fackelt, wenn die nachbarn sie stören.

    • ach was… die will nur spielen

    • petra sagt:

      das macht es auch nicht besser ;)

    • Nihilistin sagt:

      @ Petra: Das dachte ich gestern auch. Sie wäre das phantastische Werbegesicht für die us-amerikanische Waffenlobby. So nach dem Motto: “Sie haben Probleme mit Ihrem Chef? Mit dem Lehrer Ihrer Kinder? Mit Ihrem Nachbarn? Ich hätte da was für Sie…”

    • Pu sagt:

      Die Frau erschreckt mich. Sie wirkt auf mich, als stamme der Satz “I’ll give you my gun when you pry it from my cold, dead hands!” von ihr persönlich.

    • Nessy sagt:

      Wir könnten uns auch allesamt beschützt fühlen. Frau Rhode fackelt bestimmt nicht lange, wenn ein Einbrecher durch den Garten schleicht.

  • Sue sagt:

    Ich dachte, es leuchtet der, der getroffen hat??

    • Nessy sagt:

      Kann auch sein. Ist nicht so wichtig. Der, der am Ende die Arme hoch- und sich die Mütze vom Kopf reißt, hat gewonnen.

  • Boeke sagt:

    Nochmal zum Damen-Beachvolleyball: Gibt´s da nicht die Regel, dass die seitlichen Bündchen der Höschen nicht mehr als 7 cm breit ein dürfen?
    Warum sind die meisten Bündchen dann noch schmäler? ;-)
    (Aber meine Holde nörgelt auch, dass die Männer in Schlabber-Shorts spielen :-) )

  • @Frau Vorgarten: Oh, ja, Curling ist auch Klasse! Das sehe ich mir im Winter auch sehr gerne an!

  • So ungefähr sah auch mein Sonntag aus … Allerdings habe ich dabei wenigstens noch eine Socke fertiggestrickt. ;-)

    Das einzig Gute daran ist tatsächlich, dass ich beim Schwimmen-gucken wirklich Bock bekam, endlich selbst mal wieder zu gehen. Das ist eine feine Sache.

    • Nessy sagt:

      Ich bekomme überhaupt kein Bock auf Sport, wenn ich das sehe. Die Athleten wirken so angestrengt. Ich spüre praktisch das Laktat.

    • Das ist mir witzigerweise noch gar nicht mal so aufgefallen …. Ich hatte bein Schwimmen einige Male den Eindruck, dass da auch durchaus noch Freude bei ist. Jedenfalls mehr als beim Radfahren und dem ganzen Leichtathletik-Krams (besonders Laufen).

      Sehr cool fand ich die Gewichtheberin, die hat ja nicht gewonnen, aber ihr Bestes gegeben und ihren persönlichen Rekord überschritten – und das finde ich ist was, auf das sie auf jeden Fall stolz sein kann. Finde ich persönlich auch schöner als diese ewige Geilheit auf Medaillen …

    • Nessy sagt:

      Vielleicht liegt es auch daran, dass ich maximal eine Bahn kraulen kann und danach aus Konditionsmangel zu ertrinken drohe.

      Ich finde die Geilheit auf Medaillen auch übertrieben. Die deutsche Freistil-Staffel hat gestern eine super Performance geliefert – habe ich mir gerne angesehen. Und der Zweikampf zwischen USA und Frankreich war ja wohl genial.

    • Immerhin KÖNNEN sie kraulen … Mich hat das Schwimmen nämlich dazu animiert, mir die Schwimmtechnik-Kurse an der Uni nochmal anzugucken, vielleicht komme ich ja wirklich in einen rein, das wäre genial. :-)

      Das Rennen zwischen frankreich und den USA war wunderbar – ich habe besonders das Schmetterlingsrennen bewundert, das muss unglaublich Kraft kosten.

  • Gottfried sagt:

    „Schießen können Sie, die Amis“ meinte Frau Fuchur. Und ich war derweil überrascht, dass es eine attraktive deutsche Gewichtheberin gibt, die früher Turniertanz betrieben hat.

    So hilft Olympia allen; man bekommt die alten Erkenntnisse bestätigt und gewinnt neue. Und die veranstaltende Dachorganisation gewinnt auch ein bisschen und die oder andere Randsportarten sowieso. Soviel „winwin“ kann man wirklich nur alle vier Jahre erwarten.

  • Bouquinesse sagt:

    Oh wie schön! Wir haben gleichzeitig dasselbe gesehen – das ist ja wie früher auf dem Schulhof hier :-)
    Und gebügelt habe ich heute früh. Und dabei lief leider noch kein Olympia.

Was ist das?

Du liest momentan Olympia auf Draußen nur Kännchen.

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